März 2017

Wo stehen die Türken?

 

Ich wurde neulich gefragt, wo denn „die Türken“ in der deutschen Gesellschaft nun stehen, also vor allem diejenigen, die seit jeher hier leben, und vielleicht sogar die türkische Sprache nur noch rudimentär beherrschen? Mit wem haben wir es da eigentlich zu tun?


Auch wenn es „die Türken“ aus meiner Sicht so in Deutschland nicht gibt, weil viele, die in den sechziger und siebziger Jahren kamen, allein vom Bildungsniveau unterschiedlich waren, und sich im Laufe der Jahre in entsprechend unterschiedliche Richtungen entwickelt haben, lassen sich dennoch ein paar Übereinstimmungen finden.

 

Ich denke, dass sich gerade jetzt viele Türken zum ersten Mal wahrgenommen fühlen. Ob positiv oder negativ ist dabei zunächst unerheblich. Aber der Konflikt, den der türkische Präsident durch seine Provokationen im In- und Ausland verschärft, bietet ihnen reichlich Anregungen sich auch endlich mal zu äußern. Im Internet bekommen sie dafür in rasender Geschwindigkeit die Aufmerksamkeit und zum Teil eben auch den Beifall, der ihnen im Alltag verwehrt bleibt, nach dem sie sich aber insgeheim so sehnen.


Es ist die lange unterdrückte Wut über die Nichtachtung, der sie in Deutschland über Generationen ausgesetzt waren.
Viele haben natürlich selbst in großem Maße dazu beigetragen, indem sie lieber unter sich blieben, sich der Sprache und den Gepflogenheiten des Landes verweigerten.
Doch die Politik hat ihnen das nicht nur sehr leicht gemacht, sondern sie auch geradezu in die Isolation geführt. Beispielsweise durch das damalige Gesetz in Berlin, nach dem sich Gastarbeiter nur in bestimmten Bezirken niederlassen durften. Was könnte daraus anderes entstehen als ein Ghetto?

 

Hintergrund war die Erwartung, dass diese Menschen ein paar Jahre hier arbeiten und dann zurück in ihre Heimat gehen würden. Das dachten viele Gastarbeiter selbst natürlich auch, und dann robbte sich Deutschland Jahr für Jahr näher an ihre türkische Seele. Veränderte sie, zeigte im Urlaub plötzlich die großen Unterschiede zur Heimat und machte sie auch dort zu Fremden. Willkommen waren sie irgendwann weder da noch hier.

In Schweden nahm man sich des Themas ganz anders an. Die Regierung ging davon aus, dass die Menschen nicht nur kommen, sondern auch bleiben würden.
Gleich ein ganz anderer Einstieg, bei dem man sich eher angenommen fühlt, und vielleicht auch motivierter ist, die neue Sprache zu lernen und sich der neuen Kultur anzunähern. Das ist in Deutschland nicht ausreichend geschehen, und so ist ein großer Teil der türkischen Bevölkerung unter sich geblieben, hat nach gewohnten Mustern gelebt und seine Kinder traditionell erzogen. Da ist es nicht verwunderlich, dass es diese Verständigungskluft auch nach fünfzig Jahren noch gibt. Es war ein Nebeneinander, kein Miteinander.

 

Eine wirkliche Öffnung hat nur da stattgefunden, wo es Austausch gab und beiderseitiges Interesse. In so einer Atmosphäre haben sich die heute toleranten und freiheitsliebenden Türken und Deutschtürken entwickelt, bei denen Autokraten wie Erdoğan keine Chance haben. Das sind diejenigen, die sich aus der obrigkeitshörigen Erziehung befreien, Selbstbewusstsein entwickeln, und kritik- und konfliktfähig werden konnten. Aber das sind auch diejenigen, denen eine eindeutige Identifikation mit einem Land und einer Kultur schwer fallen wird, weil sie sich beiden Völkern verbunden fühlen.

 

So stehen sie den anderen, den archaischen, ängstlichen und in ihrem Bedürfnis nach einer dominanten Vaterfigur fast schon kindlichen Landsleuten gegenüber. Diese werden weiterhin ihre Begeisterung für den türkischen Präsidenten kundtun, ganz gleich, was er tut oder sagt. Einfach, weil er ihnen den emotionalen Rückhalt verspricht, der ihnen in Deutschland immer gefehlt hat, und der viel schwerer wiegt als jede Logik und jeder Vernunftgedanke.

 

Wo stehen also „die Türken“ in Deutschland? Immer noch mit dem einen Fuß hier, dem anderen dort. Mal Freund, mal Störfaktor, mal sichtbar, mal unscheinbar. Und immer wieder zerrissen zwischen Europa und Asien, wie die Kontinente dieses Landes. Wenn wir das Sowohl-als-auch als Potenzial ansehen könnten, wenn wir uns respektieren und gleichzeitig ein aktives Miteinander fordern könnten, würde nach und nach eine Brücke entstehen, auf der Begegnungen möglich wären.
Wir dürfen gespannt sein, in welche Richtung es zukünftig geht.

November 2016

Von Bullerbü in die Bronx

 

Seht mal, was ich beim Stöbern gefunden habe. Einen Artikel über meine erste Zeit in Berlin. Sechs Jahre ist das nun her und ich bin tatsächlich immer noch hier.
Ihr lieben Berliner: Seid nich sauer ... so sagt man das auf hannöversch ...

 

 

Trinkgeld, sonst Schnauze!, steht auf dem Shirt der lächelnden Bedienung. Und unten auf dem Plakat: Berlin ist, wenn's härter gesagt als gemeint ist.
Na dann: Berlin find ich Scheiße.
Ich meine das auch nicht böse, schließlich sind wir neu hier. Da meckert man nicht gleich. Da ist man erst mal offen und neugierig.
Aber offen betrachtet, finde ich eben jene Haufen überall. Und sie werden nicht nur von Vierbeinern abgelegt. Ich weiß das deshalb so genau, weil Lotte sie gern frisst. Unsere Hündin frisst nämlich nur Menschliches.

 

Ein freundlicher Nachbar empfahl zur Fütterung Harzer Käse, mindestens 3 Wochen in einer Tupperbox auf der sonnigen Fensterbank. Pur und ohne was.
Ich wurde beim Öffnen zwar ohnmächtig, doch die Wirkung war phänomenal. Lotte ignoriert neuerdings jede Hinterlassenschaft. Und nicht nur das. Sie wälzt sich nicht mehr in Rattenkadavern, verteidigt uns gegen marodierende Wildschweine und zeigt mir nebenbei, wie das geht mit der Anpassung in der großen Stadt. Die ersten Tage heulen, bis die Polizei kommt und Schluss. Eingewöhnt. Ich heule immer noch. Als Einzige. Aber nur ganz leise.

 

Die Idee kam von meinem Mann. Nach jedem beruflichen Termin zog es ihn mehr in die pulsierende Hauptstadt. Ich hatte eigentlich keinen Grund Hannover zu verlassen. Gar keinen. Wir wohnten in einem schnuckeligen Haus mit Garten, nette Nachbarn, gute Freunde, alles geregelt. Unsere Arbeit, die Schule, Kinderarzt, Markt, Post und Bioladen um die Ecke. Jeder Gang schnell erledigt. Herrlich. Vertraut. Zu Hause. Ich mochte das. Wirklich.
Wäre da nicht diese wilde kleine Abenteuerlust gewesen und mein Mann, der beinahe an unserer Behaglichkeit erstickt wäre. Ich war früher schon einmal eine Zeit in Berlin und fand es - nun ja, beunruhigend. Aber nun bin ich 20 Jahre älter. Berlin auch. Alles ist anders. Alles wird gut.

Deshalb war ich einverstanden. Wollte schließlich auch endlich mal richtig weg. Weil das ja jeder mal machen muss. Irgendwann. Eigentlich war mir egal wohin. In München wohnt meine Freundin und Hamburg ist so schön am Meer. Aber in Berlin hat mein Mann einige Freunde. Wasser gibt’s hier auch reichlich. Außerdem will jeder nach Berlin. Jeder. Also. Los.

 

Und so schlidderten wir im Dezember 2010 mit zwei Kindern, Hund und enthusiastischem Juchu in die Hackeschen Höfe, Berlin Mitte. Derzeit mit nur einem Wort zu beschreiben. Cool.
Wer da wohnt ist prominent, reich und sehr entspannt. Mindestens. Nur sind wir weder prominent, noch reich.
Und als ich nach der ersten Nacht morgens um halb sieben Gassi ging, Tram, Straßenreinigung, Müllabfuhr und Mofa gleichzeitig durch mein Hirn knatterten, war ich alles andere als entspannt.

 

Richtig cool war auch nur der Ostwind, der mir unter die Jacke fuhr. Vielleicht noch Candy, die ihre Straßenschicht auf halsbrecherischen Plateaustiefeln mit einem Sprung ins Taxi beendete. Wir Frauen kriegen ja schnell kalte Füße.

 

Mir war nicht klar, was für eine Eruption dieser Umzug auslösen sollte. Konnte es auch nicht. Was ist das schon? Von einer Stadt in die andere. Zweieinhalb Stunden östlich. Na und? Ist doch nur Deutschland, nicht der Kongo oder Shanghai. Freunde von uns sind nach Kapstadt gezogen. Das ist eine Umstellung.


Und doch hat mich der kurze Weg von Bullerbü in die Bronx mächtig durchgeschüttelt und an einem krähenzerrupften Mülleimer ausgesetzt.

Die Hauptstadt hat das Landei geknackt.
Das war so nicht gedacht. Das hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Schließlich passt Schreiben und Berlin zusammen wie Film und Hollywood. Das muss so, weil Berlin eben Berlin ist. Ab jetzt war ich Berliner Autorin, nicht mehr Hannoversche. Cool.

 

Anfangs hatten wir weder Telefon, noch Internetzugang. Trotz fester Termine funktionierte irgendwie nichts. Nicht mal der Fernseher. Selbst mein Handy versagte und musste eingeschickt werden. Nur, wo ist hier die nächste Post?
Det wees ick doch nich, sagte die Verkäuferin beim Bäcker, ick bin ja von Pankow, wa.

 

Ich kam mir vor wie amputiert, wie im Dschungel ausgesetzt. Ohne Verbindung, ohne Kontakt zur Außenwelt. Bis mir einfiel, dass es ja Internetcafés gibt, vergingen Tage in einer unheimlichen Blockade.
Ich war völlig dicht, huschte von Hof zu Hof und nur kurz rüber zu Edeka und Rossmann. Irritiert von fröhlichen Touristen, die in der Arschkälte jedes Fassadendetail klickten, fragte ich mich, was die hier wollten. Was?

 

Es wurde nicht besser, wenn mein Mann abends mit fiebrig glänzenden Augen nach Hause kam. Diese Stadt! Diese Historie! Diese Lebendigkeit! Diese interessanten Menschen! Diese spannenden Orte! Diese Häuser aus Kaisers Zeiten! Dieses Monumentale! Dieser gewachsene Trash überall! Wahnsinn! Endlich weg aus der Schnarch-Provinz, endlich im richtigen Leben! Endlich, endlich angekommen! YES! Und Schatz, wie war dein Tag?

 

Ich stieg über zerdepperte Bierflaschen, zerrte den Hund von alten Dönertüten weg und ließ mir ins Gesicht rülpsen. Hey, is nicht so gemeint!
Kein Wunder, dass Lotte Durchfall kriegte. Hunde tragen des Menschen Last.
Je begeisterter mein Mann in der Stadt abtauchte, umso poröser wurde ich. Ich wollte nichts sehen, niemanden kennenlernen und nichts entdecken. Selbst die verdammte Post nicht.


Am liebsten hätte ich mich in den Umzugskartons versteckt und das Ende des Alptraums abgewartet.
Ging aber nicht. Die Kinder wollten Mittagessen. Es gab gebratene Nudeln vom Asia gegenüber, bis ihnen die Geschmacksverstärker aus den Ohren kamen. Dafür hatte ich nach kürzester Zeit wieder eine Hammerfigur, ohne fasten. Ich sah bloß nicht besser aus, weil ich bei jeder Gelegenheit in Tränen ausbrach. Mit 20 geht das, mit 44 nicht.

 

Obwohl ich dann zufällig den E-Plus-Shop fand, der mein Handy einschickte, für ein Ersatzgerät und einen Internetstick sorgte, hatte ich nach vier Wochen wieder die Koffer gepackt. Bereit eine Wochenendehe zu führen und unseren Kindern das geregelte Familienleben zu nehmen.

Berlin ist total scheiße und das meinte ich genauso. Ich wollte aufgeben. Ich wollte wieder nach Hause, aber unser Haus war weg. Ich hab sogar Lotto gespielt, damit ich es zurückkaufen kann. Natürlich ist das naiv und blödsinnig. Weiß ich selber. Ich spiele erst dann wieder, wenn ich hier nicht mehr weg will. Doch das kann dauern.

 

Was hast du eigentlich für ein Problem?, fragte mein Mann. Ist doch alles so schön bunt hier! Mach dich mal locker!
Das Problem war, dass Berlin mich entlarvte und Dinge offenbarte, von deren Existenz ich bisher keine Ahnung gehabt hatte.
Ich wusste nicht, wie sehr ich mit Hannover verhaftet bin. Wie sehr ich diese öde, gleichförmige Langeweile genießen kann. Die immer gleichen Wege, Menschen und Situationen. Wie sehr sie mir fehlen würden. Wie wenig Abwechslung ich eigentlich brauche und wie sehr die immer gleichen Rituale. Eigentlich wusste ich gar nichts.

 

Selbst mein Wurstverkäufer kannte mich besser, als ich mich selbst. Nicht, dass Sie nach sechs Monaten reumütig zurückkommen!?
Schon für das Wort reumütig hätte ich ihm am liebsten seinen Bio-Serrano auf die Glatze geklatscht. Aber in ganz dicken Scheiben.

 

Verzweifelt klebte mein Herz an Hannover, krallten sich meine Gedanken in unser Haus, nur mein Schatten schlich durch Berlins hippe Mitte, versuchte weder Mann, noch Kinder, noch Hund zu verhauen, alltagstauglich und cool zu bleiben.
Hypnotisiert starrte ich ins gleißende Licht der Großstadt, hielt mir die Ohren zu und zog die Jacke fester um mich.
Wie selbstverständlich die Menschen hier zu Hause sind, dachte ich verwundert, so war ich das wohl auch mal. Wie sie in der S-Bahn sitzen, zur Arbeit gehen, Freunde treffen, lachen, Zigaretten drehen, ihre Haustüren aufschließen, Einkäufe reintragen, Cafés bevölkern, auf den Wiesen rumliegen und durch den quirligen Verkehr radeln. Keine Sekunde darüber nachdenken, ob sie jetzt damit zufrieden sind oder nicht. Wie viele schlaue und illustre Köpfe hier leben. Promis wo du hinguckst. Alle miteinander fühlen sich sauwohl. Selbst die Obdachlosen. Warum ich nicht?

 

Der Neid macht mich picklig. Ich müsste doch quieken vor Glück in so einem Hexenkessel voll kreativer Energie!
Was ist das für eine fiese Droge, die bei mir nicht wirkt? Dosis erhöhen bringt nichts. Ich hatte schon die maximale Dröhnung.
Vielleicht hilft ja eine homöopathische Dosis? Vor ein paar Tagen haben wir uns eine Wohnung in Charlottenburg angesehen. Direkt an der Spree, in der Nähe vom monumentalen Schloss aus Kaisers Zeiten.

 

Vielleicht helfen Gleichgesinnte? Ich fand Berlin am Anfang genauso schrecklich, sagte meine neue polnische Freundin. Nach sechs Jahren ging's dann.
Ich bin auch nur wegen meinem Mann hier, sagte die Frau vom Bürgeramt. Eine ätzende Stadt.
Warte den Sommer ab, sagte ein Hundebesitzer. Du wirst es lieben.
Leider fiel der Sommer aus, der Urlaub auch, nur die Haufen nicht. Die sind immer da. Wenigstens eine Konstante.

Vielleicht ist Berlin scheiße, aber es ist alles nicht so gemeint, deshalb bleibe ich noch ein bisschen. Außerdem muss ich unbedingt herausfinden, wo in Charlottenburg die Post ist.

 

September 2016

Selbstliebe: Das Thema ist ja mittlerweile allgegenwärtig, nur was bedeutet es? Ist es vielleicht nur eine andere Bezeichnung für Narzissmus?


Nein. Narzissmus ist eine psychische Erkrankung und das genaue Gegenteil von Selbstliebe. Eine tiefe Ablehnung des eigenen Ichs, die zur Folge hat, dass der Betroffene andere ständig belügen, betrügen, manipulieren und dominieren muss, um sein nicht vorhandenes Selbstwertgefühl künstlich aufzublasen.


Selbstliebe ist dagegen Heilung, ein wirksamer Balsam für unser inneres Kind, das oft so viel erdulden und verdrängen musste. Selbstliebe holt diesen Schmerz an die Oberfläche, damit wir ihn ansehen und insbesondere fühlen können. Selbstliebe nimmt unsere Schattenseiten an, und verwandelt vermeintliche Schwächen in Stärken. Sie sorgt dafür, dass wir unser Leben aufmerksamer betrachten, sensibler auf Dinge, Ereignisse und Menschen reagieren, die uns begegnen. Sie zeigt uns Sackgassen auf, lässt uns im richtigen Moment die richtigen Handlungen vollziehen und hält uns von Menschen fern, die uns nicht guttun. Selbstliebe weckt uns auf, schärft unser Bewusstsein und hat das Potenzial uns sehr glücklich zu machen!


Meinen Artikel über eine besondere Erfahrung in Istanbul und das kleine Herz an meinem Puls, findet Ihr in der Oktober Ausgabe der FLAIR oder hier. (Für größere Schrift auf den Text klicken)