April 2017

 

Nach dem Referendum

 

17.04.2017

So, nun ist es tatsächlich passiert: Der Sultan ist auf dem Weg zur Krönung, und ich hab ein Schleudertrauma vom Kopfschütteln.

Viele, sehr viele Türken im In- und Ausland haben für das Referendum gestimmt, das dem amtierenden türkischen Präsidenten einen Freifahrtschein zu jeglicher Machtausübung ausstellt.

Es war die Zeit unzähliger Wut- und Rachewähler in Deutschland, die endlich ihre Chance gekommen sahen, dem ungeliebten Gastland einen ordentlichen Denkzettel zu verpassen, ohne auf die Annehmlichkeiten ihres freien Lebens verzichten zu müssen. Es sollte eine Backpfeife für erlittene Diskriminierungen und Frustrationen sein, die sie zum Teil selbst zu verantworten haben.

Jeder einzelne, der sich geweigert hat, die Sprache zu lernen und die Regeln des Landes zu respektieren, in dem er lebt. Und jeder, der seiner Frau und Familie das Einleben in der Fremde verboten hat.

Nun wird den Trotzköpfen der Bumerang um die Ohren fliegen, denn erstens werden sie jetzt noch weniger von der ersehnten Anerkennung bekommen, im Gegenteil fürchte ich, dass der Ton schärfer und die Kluft noch größer wird. Zweitens interessiert es die meisten Deutschen nicht die Bohne, welcher Autokrat gerade die Türkei regiert, und drittens wird das bisschen mühsam gewonnene Freiheit in der Türkei nun wieder zu Grabe getragen. Wir werden es spätestens im nächsten Urlaub bemerken, wenn wir denn überhaupt noch hinfahren oder durch Gespräche mit türkischen Verwandten und Freunden. Es wird alle Gesellschaftsschichten betreffen, und den ohnehin schon harten Existenzkampf der meisten Menschen zusätzlich erschweren.

Für kritische Journalisten, Schriftsteller, Kunst- und Kulturschaffende und Intellektuelle war es immer schwierig in der Türkei. Die letzten Monate haben nun wieder einmal eindrucksvoll gezeigt, mit welcher Willkür missliebige Denker als Terroristen verunglimpft und ausgeschaltet werden. Das Leben und Arbeiten ist für sie unerträglich, unmöglich, ja mittlerweile lebensgefährlich. Ich verstehe jeden, der unter diesen Umständen die Heimat verlässt oder darüber nachdenkt.

Gestern war die Stunde der lautesten Schreihälse, die potentielle Nein-Sager, Kritiker und Aufklärer mit Drohungen und Beschimpfungen so eingeschüchtert hatten, dass nicht jeder den Mut für ein „Hayir“ aufbringen konnte. Dafür ist dennoch eine beeindruckende Stimmenanzahl zusammengekommen.

Es war auch die Stunde der fahnenschwenkenden Deutsch-Türkinnen, mit knallroten Fingernägeln und Lippenstift, die ihre langen schwarzen Haare im Wind flattern ließen, die „den Sieg ihres Präsidenten“ feierten, der weder ihr Präsident ist, noch ihr freizügiges Äußeres billigt.

Und es war die Stunde der komplett Ahnungslosen, vornehmlich leider Frauen, die dachten, dass sie Erdoğan wählen sollten. Die wirklich dachten, dass Erdoğan selbst zur Wahl stand. Es sind diejenigen, die nur abhängige Lebensstrukturen kennen; Regeln, Verbote und das Gefühl des Gefangenseins. Denen man nicht mit Freiheit kommen braucht, weil sie gar nicht wissen, was Freiheit ist! Die bedauerlicherweise auch nicht wissen, was dieses Referendum eigentlich ist. Geschweige denn, was es für Folgen haben wird. Aber darauf dürfen wir jetzt wohl alle gespannt sein.

 

 

 

März 2017

Wo stehen die Türken?

 

Ich wurde neulich gefragt, wo denn „die Türken“ in der deutschen Gesellschaft nun stehen, also vor allem diejenigen, die seit jeher hier leben, und vielleicht sogar die türkische Sprache nur noch rudimentär beherrschen? Mit wem haben wir es da eigentlich zu tun?


Auch wenn es „die Türken“ aus meiner Sicht so in Deutschland nicht gibt, weil viele, die in den sechziger und siebziger Jahren kamen, allein vom Bildungsniveau unterschiedlich waren, und sich im Laufe der Jahre in entsprechend unterschiedliche Richtungen entwickelt haben, lassen sich dennoch ein paar Übereinstimmungen finden.

 

Ich denke, dass sich gerade jetzt viele Türken zum ersten Mal wahrgenommen fühlen. Ob positiv oder negativ ist dabei zunächst unerheblich. Aber der Konflikt, den der türkische Präsident durch seine Provokationen im In- und Ausland verschärft, bietet ihnen reichlich Anregungen sich auch endlich mal zu äußern. Im Internet bekommen sie dafür in rasender Geschwindigkeit die Aufmerksamkeit und zum Teil eben auch den Beifall, der ihnen im Alltag verwehrt bleibt, nach dem sie sich aber insgeheim so sehnen.


Es ist die lange unterdrückte Wut über die Nichtachtung, der sie in Deutschland über Generationen ausgesetzt waren.
Viele haben natürlich selbst in großem Maße dazu beigetragen, indem sie lieber unter sich blieben, sich der Sprache und den Gepflogenheiten des Landes verweigerten.
Doch die Politik hat ihnen das nicht nur sehr leicht gemacht, sondern sie auch geradezu in die Isolation geführt. Beispielsweise durch das damalige Gesetz in Berlin, nach dem sich Gastarbeiter nur in bestimmten Bezirken niederlassen durften. Was könnte daraus anderes entstehen als ein Ghetto?

 

Hintergrund war die Erwartung, dass diese Menschen ein paar Jahre hier arbeiten und dann zurück in ihre Heimat gehen würden. Das dachten viele Gastarbeiter selbst natürlich auch, und dann robbte sich Deutschland Jahr für Jahr näher an ihre türkische Seele. Veränderte sie, zeigte im Urlaub plötzlich die großen Unterschiede zur Heimat und machte sie auch dort zu Fremden. Willkommen waren sie irgendwann weder da noch hier.

In Schweden nahm man sich des Themas ganz anders an. Die Regierung ging davon aus, dass die Menschen nicht nur kommen, sondern auch bleiben würden.
Gleich ein ganz anderer Einstieg, bei dem man sich eher angenommen fühlt, und vielleicht auch motivierter ist, die neue Sprache zu lernen und sich der neuen Kultur anzunähern. Das ist in Deutschland nicht ausreichend geschehen, und so ist ein großer Teil der türkischen Bevölkerung unter sich geblieben, hat nach gewohnten Mustern gelebt und seine Kinder traditionell erzogen. Da ist es nicht verwunderlich, dass es diese Verständigungskluft auch nach fünfzig Jahren noch gibt. Es war ein Nebeneinander, kein Miteinander.

 

Eine wirkliche Öffnung hat nur da stattgefunden, wo es Austausch gab und beiderseitiges Interesse. In so einer Atmosphäre haben sich die heute toleranten und freiheitsliebenden Türken und Deutschtürken entwickelt, bei denen Autokraten wie Erdoğan keine Chance haben. Das sind diejenigen, die sich aus der obrigkeitshörigen Erziehung befreien, Selbstbewusstsein entwickeln, und kritik- und konfliktfähig werden konnten. Aber das sind auch diejenigen, denen eine eindeutige Identifikation mit einem Land und einer Kultur schwer fallen wird, weil sie sich beiden Völkern verbunden fühlen.

 

So stehen sie den anderen, den archaischen, ängstlichen und in ihrem Bedürfnis nach einer dominanten Vaterfigur fast schon kindlichen Landsleuten gegenüber. Diese werden weiterhin ihre Begeisterung für den türkischen Präsidenten kundtun, ganz gleich, was er tut oder sagt. Einfach, weil er ihnen den emotionalen Rückhalt verspricht, der ihnen in Deutschland immer gefehlt hat, und der viel schwerer wiegt als jede Logik und jeder Vernunftgedanke.

 

Wo stehen also „die Türken“ in Deutschland? Immer noch mit dem einen Fuß hier, dem anderen dort. Mal Freund, mal Störfaktor, mal sichtbar, mal unscheinbar. Und immer wieder zerrissen zwischen Europa und Asien, wie die Kontinente dieses Landes. Wenn wir das Sowohl-als-auch als Potenzial ansehen könnten, wenn wir uns respektieren und gleichzeitig ein aktives Miteinander fordern könnten, würde nach und nach eine Brücke entstehen, auf der Begegnungen möglich wären.
Wir dürfen gespannt sein, in welche Richtung es zukünftig geht.

Meine Türkei oder adieu mon amour?

Die Entwicklung der Türkei in den letzten Jahren ist nur schwer erträglich für mich. Ich liebe dieses gastfreundliche, hilfsbereite Volk und jeder, der meine Bücher kennt, weiß wie tief ich mich Land und Leuten verbunden fühle.

Sie sind ein Teil von mir und deshalb schmerzt es mich besonders, dass der Ton zwischen der Türkei und Deutschland immer schärfer wird.

Fast schon im Stakkato kommen die Drohungen Erdoğans und seiner Mitstreiter daher. Bei jeder Absage, jedem Widerstand, ja sogar bei jeder noch so unbedeutenden Spur Gegenwind, fühlen sich die Machthaber in ihrer Ehre gekränkt und krakeelen immer lauter nach Vergeltung.
Aber nicht nur sie. Auf allen Kanälen eskalieren die Diskussionen. Vorzugsweise hinter dem Schleier des Internets verborgen, riskieren selbst ausgemachte Feiglinge eine dicke Lippe. Darunter zahlreiche in Deutschland lebende Türken, vornehmlich Männer, die sich derart im Ton vergreifen, dass allein an der martialischen Wortwahl die kulturelle Kluft zwischen den Völkern offenbar wird.
Und jeder einigermaßen vernunftbegabte Mensch fragt sich zu Recht, wie man überhaupt Erdoğan-Anhänger sein kann? Erdoğan, der Rückwärtsgewandte, dessen Tunnelblick von Tag zu Tag enger zu werden scheint? Erdoğan, der gerade dabei ist, sein gesamtes Volk der Welt zum Fraß vorzuwerfen?
Der nur zu gern das unangefochtene Idol der Türken, Kemal Atatürk beerben würde und stattdessen nicht nur das Land ruiniert, sondern auch die Türken in Misskredit bringt?

 

Wer könnte so etwas wollen? Die Türken selbst? Vielleicht?
Ja, scheinbar schon, denn immerhin hat ihn ein Großteil der Bevölkerung gewählt. Viele schwenken über das ganze Gesicht strahlend seine Fahne, verteidigen ihn aufs Aggressivste in sozialen Netzwerken und schwadronieren über seine vermeintlichen Wohltaten. Es scheint ihnen absolut nicht bewusst zu sein, dass sie in der Türkei für einen Bruchteil ihrer Äußerungen ins Gefängnis wandern würden.
Sie verhalten sich wie Freilandhühner, die für ihr Recht auf Käfighaltung demonstrieren (danke für den wunderbaren Vergleich Politik&Zeitgeschehen! https://www.facebook.com/PolitikUndZeitgeschehen/?fref=ts ).


Also bitte, wie passt das zusammen? Wie kann man für Erdoğan sein?
Als Türke? Als Mensch?

 

Eigentlich ist die Sache einfach. Erstens ist den meisten die Diskrepanz zwischen Erdoğans Politik und den konkreten Auswirkungen auf ihr Leben in der Türkei und in Deutschland gar nicht klar.
Und zweitens verblassen diese Tatsachen vor einem viel wichtigeren Phänomen, das gerade weltweit große Erfolge feiert.
Es ist der enorme Sog, den Narzissten auf andere Menschen ausüben. Denn auch die treuen Schäfchen anderer Länder wählen selbstgerechte, seelisch verkrüppelte Egomanen wie Trump, Putin und wie sie alle heißen, schenken ihnen Aufmerksamkeit, Geld und jede andere Unterstützung.
NUR WARUM?

 

Um beim Beispiel der Türkei zu bleiben, hat es mit der immer noch üblichen Erziehung zu tun. Mädchen wird meist nur dann Wohlwollen entgegengebracht, wenn sie hübsch, ruhig und angepasst sind. Wie man mit ihnen umgeht, wenn sie es wagen den Mund aufzumachen und für ihre wenigen Rechte auf die Straße zu gehen, hat man jüngst eindrücklich in Istanbul und Ankara verfolgen dürfen. Türkinnen mit Freiheitsdrang und eigener Meinung haben es sehr schwer in der Familie und Gesellschaft. Weil sie sich damit den überlieferten Verhaltensregeln widersetzen und die patriarchalische Ordnung stören. Sie werden als unanständig bezeichnet, als rebellisch und ungehörig, bestenfalls. Von den schlimmsten Fällen erfahren wir tagtäglich aus den Medien.


Noch verquerer läuft es in der Erziehung der Jungs, die mit Attributen wie Löwe, Sultan oder Widder belegt und in ihrer noch unbedarften Männlichkeit grotesk idealisiert werden, damit sie später ihre Ehefrauen dominieren können. Auch heute lassen sich viel zu viele Mütter von ihren kleinen Söhnen schlagen, und belohnen sie dafür noch mit Gelächter. Der krankhaften Überhöhung des kleinen Jungen steht eine ebenso krankhafte Erniedrigung durch ältere Männer und andere Autoritäten gegenüber.
Lange vor dem Drill des Militärdienstes hat ein türkischer Junge bereits sämtliche denkbaren Demütigungen hinter sich.
Jede Form von emotionaler Regung, mit Ausnahme des ungezügelten Zorns, wird als schwach und schwul verhöhnt. Dazu gehört Verständnis und Unterstützung weiblicher Belange, das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Liebe und vor allem das vermutlich angeborene Wissen der Gleichberechtigung zwischen Jungen und Mädchen. Trauer und Tränen werden nur beim Tod eines Familienangehörigen geduldet. Türkische Jungs werden öffentlich gedemütigt und erniedrigt. Alles was nicht zur Abhärtung taugt, gilt als Verweichlichung und gehört sofort ausgemerzt.
Sie werden eiskalt abgeduscht, beschimpft und geschlagen, wenn sie schreien. Ganz gleich, ob vor Schmerz oder Angst.
Oft werden sie vor den Augen der gesamten Verwandtschaft bei einem „Fest“ an ihrer intimsten Stelle beschnitten, nackt und bloßgestellt auf einer Bühne; müssen nicht nur körperliche Schmerzen ertragen, sondern diese möglichst auch noch ohne Gefühlsregung.
Man kann die Qualen der Jungs nach der Beschneidung auf den Fotos ablesen. Das einzige, was da glänzt, sind die Steinchen auf dem Glitzerkostüm. Die Augen dieser Kinder sind schockgefroren, entsetzt, fassungslos und ohnmächtig. Für das was ihnen angetan wurde, dürfen sie weder Worte finden, noch entsprechende Gefühle zeigen, weil das weibisch und schwul wäre, und sie noch mehr Demütigungen zu befürchten hätten.


Und aus so einem Jungen wird ein Mann. Entweder schafft er das schier Unmögliche, seine positiven Emotionen irgendwie zu erhalten und authentisch zu bleiben oder aber er entdeckt das starke Gefühl der Rache. Das ehemals hilflose Opfer wird zum Täter, und wenn er nur wüste Beschimpfungen im Netz verteilt, und sich dann mit Andersdenkenden immer weiter in die Hass-Spirale schraubt, um zumindest ein paar der angestauten Kränkungen loszuwerden.

 

Und dann kommt ein Erdoğan, ein Trump oder wer auch immer daher und hält große schwungvolle Reden, in denen es um Respekt geht, um Ungerechtigkeiten, um Feinde, Verräter und Schmarotzer, denen man das Handwerk zu legen hat. Der kleine Junge erkennt sich darin wieder, mit dem bedeutsamen Unterschied, dass das Spiegelbild echte Macht besitzt, eine ungeheure Macht, die der kleine Junge im erwachsenen Mann auch so liebend gern hätte.Die Identifikation ist perfekt.

 

Was dieser Mächtige dann im weiteren Verlauf von sich gibt, für welche Ideale er steht, ob er die Wahrheit sagt oder offen lügt, spielt überhaupt keine Rolle mehr. Der Junge hängt am Angelhaken.
Er beobachtet, wie es ist, die ohnmächtige Wut, den uralten Hass endlich mal rauslassen zu dürfen und zur Belohnung dafür sogar noch Beifall zu bekommen, Anerkennung, Aufmerksamkeit und noch mehr Macht.
Das ist doch die Erfüllung seines sehnlichsten Wunsches.
Das ist schon fast so etwas wie Liebe, oder ist es sogar noch mehr?

Aus dieser Perspektive betrachtet, ist die ungebrochene Bewunderung für Autokraten vielleicht nachvollziehbar. Oder zumindest eine Erklärung, denn was könnte so ein orgiastisches Hochgefühl wohl noch toppen?

 

 

November 2016

Von Bullerbü in die Bronx

 

Seht mal, was ich beim Stöbern gefunden habe. Einen Artikel über meine erste Zeit in Berlin. Sechs Jahre ist das nun her und ich bin tatsächlich immer noch hier.
Ihr lieben Berliner: Seid nich sauer ... so sagt man das auf hannöversch ...

 

 

Trinkgeld, sonst Schnauze!, steht auf dem Shirt der lächelnden Bedienung. Und unten auf dem Plakat: Berlin ist, wenn's härter gesagt als gemeint ist.
Na dann: Berlin find ich Scheiße.
Ich meine das auch nicht böse, schließlich sind wir neu hier. Da meckert man nicht gleich. Da ist man erst mal offen und neugierig.
Aber offen betrachtet, finde ich eben jene Haufen überall. Und sie werden nicht nur von Vierbeinern abgelegt. Ich weiß das deshalb so genau, weil Lotte sie gern frisst. Unsere Hündin frisst nämlich nur Menschliches.

 

Ein freundlicher Nachbar empfahl zur Fütterung Harzer Käse, mindestens 3 Wochen in einer Tupperbox auf der sonnigen Fensterbank. Pur und ohne was.
Ich wurde beim Öffnen zwar ohnmächtig, doch die Wirkung war phänomenal. Lotte ignoriert neuerdings jede Hinterlassenschaft. Und nicht nur das. Sie wälzt sich nicht mehr in Rattenkadavern, verteidigt uns gegen marodierende Wildschweine und zeigt mir nebenbei, wie das geht mit der Anpassung in der großen Stadt. Die ersten Tage heulen, bis die Polizei kommt und Schluss. Eingewöhnt. Ich heule immer noch. Als Einzige. Aber nur ganz leise.

 

Die Idee kam von meinem Mann. Nach jedem beruflichen Termin zog es ihn mehr in die pulsierende Hauptstadt. Ich hatte eigentlich keinen Grund Hannover zu verlassen. Gar keinen. Wir wohnten in einem schnuckeligen Haus mit Garten, nette Nachbarn, gute Freunde, alles geregelt. Unsere Arbeit, die Schule, Kinderarzt, Markt, Post und Bioladen um die Ecke. Jeder Gang schnell erledigt. Herrlich. Vertraut. Zu Hause. Ich mochte das. Wirklich.
Wäre da nicht diese wilde kleine Abenteuerlust gewesen und mein Mann, der beinahe an unserer Behaglichkeit erstickt wäre. Ich war früher schon einmal eine Zeit in Berlin und fand es - nun ja, beunruhigend. Aber nun bin ich 20 Jahre älter. Berlin auch. Alles ist anders. Alles wird gut.

Deshalb war ich einverstanden. Wollte schließlich auch endlich mal richtig weg. Weil das ja jeder mal machen muss. Irgendwann. Eigentlich war mir egal wohin. In München wohnt meine Freundin und Hamburg ist so schön am Meer. Aber in Berlin hat mein Mann einige Freunde. Wasser gibt’s hier auch reichlich. Außerdem will jeder nach Berlin. Jeder. Also. Los.

 

Und so schlidderten wir im Dezember 2010 mit zwei Kindern, Hund und enthusiastischem Juchu in die Hackeschen Höfe, Berlin Mitte. Derzeit mit nur einem Wort zu beschreiben. Cool.
Wer da wohnt ist prominent, reich und sehr entspannt. Mindestens. Nur sind wir weder prominent, noch reich.
Und als ich nach der ersten Nacht morgens um halb sieben Gassi ging, Tram, Straßenreinigung, Müllabfuhr und Mofa gleichzeitig durch mein Hirn knatterten, war ich alles andere als entspannt.

 

Richtig cool war auch nur der Ostwind, der mir unter die Jacke fuhr. Vielleicht noch Candy, die ihre Straßenschicht auf halsbrecherischen Plateaustiefeln mit einem Sprung ins Taxi beendete. Wir Frauen kriegen ja schnell kalte Füße.

 

Mir war nicht klar, was für eine Eruption dieser Umzug auslösen sollte. Konnte es auch nicht. Was ist das schon? Von einer Stadt in die andere. Zweieinhalb Stunden östlich. Na und? Ist doch nur Deutschland, nicht der Kongo oder Shanghai. Freunde von uns sind nach Kapstadt gezogen. Das ist eine Umstellung.


Und doch hat mich der kurze Weg von Bullerbü in die Bronx mächtig durchgeschüttelt und an einem krähenzerrupften Mülleimer ausgesetzt.

Die Hauptstadt hat das Landei geknackt.
Das war so nicht gedacht. Das hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Schließlich passt Schreiben und Berlin zusammen wie Film und Hollywood. Das muss so, weil Berlin eben Berlin ist. Ab jetzt war ich Berliner Autorin, nicht mehr Hannoversche. Cool.

 

Anfangs hatten wir weder Telefon, noch Internetzugang. Trotz fester Termine funktionierte irgendwie nichts. Nicht mal der Fernseher. Selbst mein Handy versagte und musste eingeschickt werden. Nur, wo ist hier die nächste Post?
Det wees ick doch nich, sagte die Verkäuferin beim Bäcker, ick bin ja von Pankow, wa.

 

Ich kam mir vor wie amputiert, wie im Dschungel ausgesetzt. Ohne Verbindung, ohne Kontakt zur Außenwelt. Bis mir einfiel, dass es ja Internetcafés gibt, vergingen Tage in einer unheimlichen Blockade.
Ich war völlig dicht, huschte von Hof zu Hof und nur kurz rüber zu Edeka und Rossmann. Irritiert von fröhlichen Touristen, die in der Arschkälte jedes Fassadendetail klickten, fragte ich mich, was die hier wollten. Was?

 

Es wurde nicht besser, wenn mein Mann abends mit fiebrig glänzenden Augen nach Hause kam. Diese Stadt! Diese Historie! Diese Lebendigkeit! Diese interessanten Menschen! Diese spannenden Orte! Diese Häuser aus Kaisers Zeiten! Dieses Monumentale! Dieser gewachsene Trash überall! Wahnsinn! Endlich weg aus der Schnarch-Provinz, endlich im richtigen Leben! Endlich, endlich angekommen! YES! Und Schatz, wie war dein Tag?

 

Ich stieg über zerdepperte Bierflaschen, zerrte den Hund von alten Dönertüten weg und ließ mir ins Gesicht rülpsen. Hey, is nicht so gemeint!
Kein Wunder, dass Lotte Durchfall kriegte. Hunde tragen des Menschen Last.
Je begeisterter mein Mann in der Stadt abtauchte, umso poröser wurde ich. Ich wollte nichts sehen, niemanden kennenlernen und nichts entdecken. Selbst die verdammte Post nicht.


Am liebsten hätte ich mich in den Umzugskartons versteckt und das Ende des Alptraums abgewartet.
Ging aber nicht. Die Kinder wollten Mittagessen. Es gab gebratene Nudeln vom Asia gegenüber, bis ihnen die Geschmacksverstärker aus den Ohren kamen. Dafür hatte ich nach kürzester Zeit wieder eine Hammerfigur, ohne fasten. Ich sah bloß nicht besser aus, weil ich bei jeder Gelegenheit in Tränen ausbrach. Mit 20 geht das, mit 44 nicht.

 

Obwohl ich dann zufällig den E-Plus-Shop fand, der mein Handy einschickte, für ein Ersatzgerät und einen Internetstick sorgte, hatte ich nach vier Wochen wieder die Koffer gepackt. Bereit eine Wochenendehe zu führen und unseren Kindern das geregelte Familienleben zu nehmen.

Berlin ist total scheiße und das meinte ich genauso. Ich wollte aufgeben. Ich wollte wieder nach Hause, aber unser Haus war weg. Ich hab sogar Lotto gespielt, damit ich es zurückkaufen kann. Natürlich ist das naiv und blödsinnig. Weiß ich selber. Ich spiele erst dann wieder, wenn ich hier nicht mehr weg will. Doch das kann dauern.

 

Was hast du eigentlich für ein Problem?, fragte mein Mann. Ist doch alles so schön bunt hier! Mach dich mal locker!
Das Problem war, dass Berlin mich entlarvte und Dinge offenbarte, von deren Existenz ich bisher keine Ahnung gehabt hatte.
Ich wusste nicht, wie sehr ich mit Hannover verhaftet bin. Wie sehr ich diese öde, gleichförmige Langeweile genießen kann. Die immer gleichen Wege, Menschen und Situationen. Wie sehr sie mir fehlen würden. Wie wenig Abwechslung ich eigentlich brauche und wie sehr die immer gleichen Rituale. Eigentlich wusste ich gar nichts.

 

Selbst mein Wurstverkäufer kannte mich besser, als ich mich selbst. Nicht, dass Sie nach sechs Monaten reumütig zurückkommen!?
Schon für das Wort reumütig hätte ich ihm am liebsten seinen Bio-Serrano auf die Glatze geklatscht. Aber in ganz dicken Scheiben.

 

Verzweifelt klebte mein Herz an Hannover, krallten sich meine Gedanken in unser Haus, nur mein Schatten schlich durch Berlins hippe Mitte, versuchte weder Mann, noch Kinder, noch Hund zu verhauen, alltagstauglich und cool zu bleiben.
Hypnotisiert starrte ich ins gleißende Licht der Großstadt, hielt mir die Ohren zu und zog die Jacke fester um mich.
Wie selbstverständlich die Menschen hier zu Hause sind, dachte ich verwundert, so war ich das wohl auch mal. Wie sie in der S-Bahn sitzen, zur Arbeit gehen, Freunde treffen, lachen, Zigaretten drehen, ihre Haustüren aufschließen, Einkäufe reintragen, Cafés bevölkern, auf den Wiesen rumliegen und durch den quirligen Verkehr radeln. Keine Sekunde darüber nachdenken, ob sie jetzt damit zufrieden sind oder nicht. Wie viele schlaue und illustre Köpfe hier leben. Promis wo du hinguckst. Alle miteinander fühlen sich sauwohl. Selbst die Obdachlosen. Warum ich nicht?

 

Der Neid macht mich picklig. Ich müsste doch quieken vor Glück in so einem Hexenkessel voll kreativer Energie!
Was ist das für eine fiese Droge, die bei mir nicht wirkt? Dosis erhöhen bringt nichts. Ich hatte schon die maximale Dröhnung.
Vielleicht hilft ja eine homöopathische Dosis? Vor ein paar Tagen haben wir uns eine Wohnung in Charlottenburg angesehen. Direkt an der Spree, in der Nähe vom monumentalen Schloss aus Kaisers Zeiten.

 

Vielleicht helfen Gleichgesinnte? Ich fand Berlin am Anfang genauso schrecklich, sagte meine neue polnische Freundin. Nach sechs Jahren ging's dann.
Ich bin auch nur wegen meinem Mann hier, sagte die Frau vom Bürgeramt. Eine ätzende Stadt.
Warte den Sommer ab, sagte ein Hundebesitzer. Du wirst es lieben.
Leider fiel der Sommer aus, der Urlaub auch, nur die Haufen nicht. Die sind immer da. Wenigstens eine Konstante.

Vielleicht ist Berlin scheiße, aber es ist alles nicht so gemeint, deshalb bleibe ich noch ein bisschen. Außerdem muss ich unbedingt herausfinden, wo in Charlottenburg die Post ist.

 

September 2016

Selbstliebe: Das Thema ist ja mittlerweile allgegenwärtig, nur was bedeutet es? Ist es vielleicht nur eine andere Bezeichnung für Narzissmus?


Nein. Narzissmus ist eine psychische Erkrankung und das genaue Gegenteil von Selbstliebe. Eine tiefe Ablehnung des eigenen Ichs, die zur Folge hat, dass der Betroffene andere ständig belügen, betrügen, manipulieren und dominieren muss, um sein nicht vorhandenes Selbstwertgefühl künstlich aufzublasen.


Selbstliebe ist dagegen Heilung, ein wirksamer Balsam für unser inneres Kind, das oft so viel erdulden und verdrängen musste. Selbstliebe holt diesen Schmerz an die Oberfläche, damit wir ihn ansehen und insbesondere fühlen können. Selbstliebe nimmt unsere Schattenseiten an, und verwandelt vermeintliche Schwächen in Stärken. Sie sorgt dafür, dass wir unser Leben aufmerksamer betrachten, sensibler auf Dinge, Ereignisse und Menschen reagieren, die uns begegnen. Sie zeigt uns Sackgassen auf, lässt uns im richtigen Moment die richtigen Handlungen vollziehen und hält uns von Menschen fern, die uns nicht guttun. Selbstliebe weckt uns auf, schärft unser Bewusstsein und hat das Potenzial uns sehr glücklich zu machen!


Meinen Artikel über eine besondere Erfahrung in Istanbul und das kleine Herz an meinem Puls, findet Ihr in der Oktober Ausgabe der FLAIR oder hier. (Für größere Schrift auf den Text klicken)