Es gab kein Uns. Kein Wir. Es gab ein Du und ein Ich, es gab Erinnerungen, Träume und Gedanken, es gab manchmal ein Gefühl von Nähe, doch meist ein Gefühl von Ferne und Abschied. Wenn es denn ein Uns gab, war es zersplitttert, aufgespalten in unzählige Atome, die umeinanderwirbelten und nur für kurze Augenblicke zu einer erkennbaren Form zusammenfanden.

 

 

 

 

Vom zarten Gelb der Sonne angezogen, strich ein Rosa in die blaue Weite über ihnen, tupfte violette Schatten in orangerote Wolkenstreifen und ließ veilchenblaues Wasser vor ihren Füßen ankommen.

"Meinst du, dass es Kismet ist?", fragte Ilayda.

"Ja, mein Kind", sagte Ferah. "Das ist es."

"Und warum hier?"

"Weil wir für dieses Meer noch keine Sehnsucht geschaffen haben."

 

 

Wir gingen langsam, nicht nur weil es schon heiß und der Weg steil war, sondern weil mir jeder Schritt wie ein Jahr vorkam, das ich rückwärts ging. Von sechzehn auf null. Schritt für Schritt. Doch es waren mehr Schritte bis zum großen steinernden Tor, in dessen Säulen Bogenmuster geschlagen waren. Mehr Schritte. Ich hörte auf zu zählen und setzte einen Fuß vor den anderen. Durch das Tor hindurch und weiter bis unserem Ziel, unserem Treffpunkt, meiner Stunde null.

 

 

"Ich wusste immer, dass es diesen Einen irgendwo gibt", sagte Ally. "Dafür bin ich um die ganze Welt gereist, habe wichtige Erfahrungen gemacht und ihn schließlich in der Stadt gefunden, in der ich geboren  wurde. Und nun schwingen ein Mann und ich zum ersten Mal im Gleichklang." Meine Oma lächelte und wirkte plötzlich sehr jung.

"Deine große Liebe kannst du nicht verlieren, Jannah, glaub mir. Sie ist Teil von dir und ihm zugleich. Sie gehört euch beiden."

 

 

Zwischen ihm und mir breitete sich eine wortlose Ruhe aus, eine wohlige Stille, einfach so. Das Schweigen war eine Seidenraupe, die ihren dichten Kokon um uns spann und uns von allem abschirmte. Als seine Fingerspitzen meine berührten, gab es einen Funken. Ein winziges Aufblitzen. Und ein seltsam taubes Gefühl an der Stelle, als hätte ich einen Schlag bekommen.

 

 

 

Auf den Ästen der Bäume lag zentimeterdicker Schnee. Jemand hatte neben der Tanne ein großes Windlicht angezündet, das seinen sanft flackernden Schein auf die glitzernden Zweige warf.

In dieses märchenhafte Bild wurde auf einmal eine überirdische Melodie gegossen. Eine meisterhaft gespielte Trompete erklang. Stille Nacht, heilige Nacht. So schön, dass es schmerzte, so rein und betörend, dass sich Sehnsucht hinter meinen Augen staute.

 

 

Die Äste des Baumes waren über und über mit Bändern geschmückt. Manche sahen aus wie Teile von Putzlappen, manche waren kunstvoll gewebt oder geflochten. Manche nur weiß oder grau, manche einfarbig oder in sich gemustert. Lang oder kurz, heil oder in Fetzen. So viele Wünsche. So viele Träume und Hoffnungen wehten da vor uns im Wind.