Lesen gefährdet die Dummheit und die Langweile 💜

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Auch wenn es noch nicht so warm war wie in den türkischen Sommernächten, so streifte Ilayda doch angenehm milde Luft. Es gab keine Laternen, deren Schein das Mondlicht gestört hätten, und es reichte aus, ihr den Weg zu erhellen. Das vielstimmige Sirren der Zikaden hatte sich schon dauerhaft in ihren Ohren eingenistet. Es gehörte zum Tag und zur Nacht gleichermaßen.
Als Ilayda den Strand erreichte, wurde es allmählich leiser, denn unter dieser Kuppel spielte nur die Sinfonie des Meeres. Sie setzte sich in den Sand und lauschte.
Erst war es nur ein Wispern, ein zartes Murmeln und Raunen, das sich in ihr Herz schlich, und jeden Ton, jede Bewegung tausendfach wiederholte. Geduldig wiederholte und wiederholte, bis Ilayda seine Botschaft endlich verstand. Es war das Wasser im Kübel, das man ihr stets hinterher gegossen hatte. Das Wasser, das ihr das Meer nun in großzügigen Wellen zuströmen ließ, um ihr zu versprechen, dass jede ihrer Reisen leicht verlaufen werde, dass jede Rückkehr ebenso leicht war und dass sie darauf vertrauen konnte. Immer.

Ich vermisste Koray mit einer unwilligen Sehnsucht, weil ich sicher war, dass es sich nicht einmal lohnte, daran zu denken, geschweige denn, es sich zu wünschen, weil es nie eine echte Gelegenheit für uns zu geben schien, keine Zeit, in der die Bedingungen wirklich gepasst hätten, weder bei ihm, noch bei mir. Vielleicht war es zu früh oder zu spät, vielleicht war es auch unmöglich? Weil es schließlich nur noch mehr schmerzen würde, sich der Sehnsucht hinzugeben, den schönen Bildern und der winzigen Hoffnung, nur um dann doch wieder loslassen zu müssen. Sich Koray hinzugeben bedeutete, die Angst vor dem unmittelbaren Verlust zu spüren. Aber sich ihm hinzugeben bedeutete auch die Chance auf einen Glücksmoment, ein inniges Fühlen und eine Ahnung von Ewigkeit, als sei unsere Liebe älter als wir, als überdauere sie das Leben, das wir gerade führten. Koray war das Fenster zu unserem Garten, das ich fest verschlossen gehalten und dessen Vorhänge ich zugezogen hatte. Und dennoch flogen sie beiseite, wenn ich ihn ansah, sprang das Fenster auf und offenbarte, was ich unter meinen Schleiern verborgen hielt.

 

 

"Ich wusste immer, dass es diesen Einen irgendwo gibt. Dafür bin ich um die ganze Welt gereist, habe wichtige Erfahrungen gemacht und ihn schließlich in der Stadt gefunden, in der ich geboren  wurde." Meine Oma lächelte und wirkte plötzlich sehr jung.

"Deine große Liebe kannst du nicht verlieren, Jannah, glaub mir. Sie ist Teil von dir und ihm zugleich. Sie gehört euch beiden."

 

 

Zwischen ihm und mir breitete sich eine wortlose Ruhe aus, eine wohlige Stille, einfach so. Das Schweigen war eine Seidenraupe, die ihren dichten Kokon um uns spann und uns von allem abschirmte. Als seine Fingerspitzen meine berührten, gab es einen Funken. Ein winziges Aufblitzen. Und ein seltsam taubes Gefühl an der Stelle, als hätte ich einen Schlag bekommen.

 

 

 

Jemand hatte neben der Tanne ein großes Windlicht angezündet, das seinen sanft flackernden Schein auf die glitzernden Zweige warf.

In dieses märchenhafte Bild wurde auf einmal eine überirdische Melodie gegossen. Eine meisterhaft gespielte Trompete erklang. Stille Nacht, heilige Nacht. So schön, dass es schmerzte, so rein und betörend, dass sich Sehnsucht hinter meinen Augen staute.

 

 

Die Äste des Baumes waren über und über mit Bändern geschmückt. Manche sahen aus wie Teile von Putzlappen, manche waren kunstvoll gewebt oder geflochten. Manche nur weiß oder grau, manche einfarbig oder in sich gemustert. Lang oder kurz, heil oder in Fetzen. So viele Wünsche. So viele Träume und Hoffnungen wehten da vor uns im Wind.