Leseprobe

Diese Geschichte ist für alle, die eine große Liebe im Herzen tragen. Ganz gleich, ob sie nah ist oder fern, gelebt wird oder schlummert. Sie ist für diejenigen, die verstanden haben, dass Liebe nur im Loslassen gedeihen kann.

 

Kapitel 1

Es muss eine stille Übereinkunft gewesen sein, ein Bekenntnis, das wir nicht in Worten ablegten, sondern in einem Gefühl.

Ganz gleich wieviel Zeit verging oder wie weit wir voneinander entfernt waren, blieb es zwischen uns bestehen. Weder Koray noch ich konnten später sagen, ob wir es vielleicht doch einmal ausgesprochen hatten. Er war sich fast sicher, und ich war fast sicher, dass das nicht geschehen war. Schließlich war ich erst fünf und er sieben Jahre alt, als er die Türkei verließ. In dem Alter spricht man nicht über diese Dinge, man denkt nicht einmal daran, doch Koray behauptete, er habe immer daran gedacht. Ans Heiraten. Er wollte mich heiraten.

Selbst wenn ich es nicht glaube, wünsche ich mir doch, dass es wahr ist, dass er es von Anfang an wusste, viel früher noch als ich. Vielleicht möchte ich es glauben, weil es manchmal scheint, als hätte er damals nicht nur unser gemeinsames Leben verlassen, sondern dabei auch eine Lücke gerissen, die ich lange Zeit nicht schließen konnte.

Wir begegneten uns im Land unserer Väter, zu einer Zeit als Miniröcke und bunte Blumen die Mode bestimmten. Als der erste Mensch zum Mond flog und blutige Kriege die Südhalbkugel erschütterten. Und während sich auf der Welt die Ereignisse überschlugen, machten Koray und ich die ersten Schritte in unserer kleinen schillernden Seifenblase. In einer Stadt, die wie keine andere für uns geschaffen war. Istanbul. Istanbul war das Symbol der Teilung in einem Ganzen. Istanbul offenbarte unsere zwiespältige Seele, war Europa und Asien gleichermaßen. Zwei Kontinente, durch einen schmalen Grat getrennt und mit zwei Meeren verbunden. Wie eine Nabelschnur zwischen zwei Wesen, zwischen ihm und mir.

Grund dafür waren unsere deutschen Mütter, die ihren türkischen Männern in die Ferne gefolgt waren. Korays Mutter stammte aus Hamburg, meine aus Hannover. Solche Ehen gab es Anfang der siebziger Jahre in Istanbul nicht viele, aber an anderen Orten wahrscheinlich auch nicht. Daher war es schon ein seltsamer Zufall, dass gerade wir zusammen in jenem dreistöckigen Mehrfamilienhaus wohnten, nah am Marmarameer, im asiatischen Teil der Stadt.

Das Haus stand in einem großen Garten voller Maulbeeren, Aprikosen und alter Jasminbüsche. Im hinteren Teil wuchsen Tomaten, Paprika und anderes Gemüse, das wir Kinder im Vorbeigehen pflückten. Eine dicke, hohe Palme bildete das Zentrum, und diente uns oft als Rückenlehne, wenn wir uns vom Spielen erschöpft in das Gestrüpp setzten, das sie umgab. An einer Seite des Grundstücks standen Pinien, deren duftendes Harz stets an meinen Händen klebte. Wie goldener Honig traten die Tropfen aus der rauen Rinde hervor, so unwiderstehlich, dass ich sie immer anfassen musste. Jedes Mal bedauerte ich es gleich darauf, nicht etwa, weil ich mich schmutzig machte, sondern weil meine Finger die Harzperlen in stumpfe braune Klümpchen verwandelten und mir das Gefühl gaben, ihre Schönheit zerstört zu haben. Dennoch konnte ich ihnen nicht widerstehen. Ebenso wenig wie den Pinienkernen, die mit ihrer schwarz gepuderten Schale überall herumlagen und nur darauf zu warten schienen, dass ich sie zerschlug und den süßen weißen Kern aß.

 

Auch wenn wir das Meer von uns aus nicht sehen konnten, weil ein Straßenzug dazwischen lag, war das dumpfe Tuten der Fähren zu hören, die jeden Tag zwischen den Häfen pendelten. Mit dem Gelächter der Möwen und dem Lied des Ezans bildeten diese Töne das Rückgrat meiner Welt. Es war die Selbstverständlichkeit, mit der sich alles wiederholte, das Beruhigende, Verlässliche, das mich stark und frei machte. Und es war das Vertraute, in dem mein Glück verborgen lag.

Wir galten als die Kinder der Deutschen, Koray, seine kleine Schwester Jale, mein großer Bruder Dalan und ich, auch wenn wir dem Gesetz nach Türken waren. Die Nationalität unserer Mütter war ebenso unerheblich wie ihre Sprache. Auch untereinander sprachen wir nur Türkisch, selbst unsere Mütter wechselten nur wenige deutsche Sätze, wenn sie sich unterhielten. Es galt vor anderen als unhöflich, und obwohl wir sie beherrschten, war uns die deutsche Sprache so fremd und lästig, dass wir sie so wenig wie möglich verwendeten.

 

Mein Bruder und ich waren ein Ebenbild unserer Mutter. Beide schmal gebaut, mit heller Haut und blonden Haaren. Nur hatte unsere Mutter blaue Augen und Dalan und ich grüne. Wenn wir auftauchten, schmolzen die türkischen Herzen dahin, männliche wie weibliche. Wobei Dalans Wirkung noch stärker war, weil er Locken hatte. Ein Junge mit goldenen Locken konnte nur ein Engel sein.

Doch mit dem Äußeren endeten unsere Ähnlichkeiten auch schon. Denn während ich gern draußen mit anderen Kindern spielte, zog sich Dalan meist zurück, um allein zu sein. Nichts verabscheute er mehr, als das viele Getätschel fremder Menschen, die uns in die Wange kniffen oder übers Haar strichen. Ich ließ es über mich ergehen wie einen Regenschauer und hatte es im nächsten Moment bereits vergessen. Das konnte Dalan nicht, er fühlte sich ständig bedrängt.

Wahrscheinlich hatte er auch deshalb so wenig mit Koray zu tun. Die beiden waren zwar im gleichen Alter, hätten aber unterschiedlicher nicht sein können. Dalan schweigsam, nachdenklich und in sich gekehrt, konnte mit fünf Jahren bereits lesen und schreiben. Koray dagegen laut, stark und wild, schenkte Büchern nicht einmal dann Beachtung, wenn er darüber stolperte. Mit seinem länglichen Gesicht und den etwas zu eng beieinander stehenden Augen sah auch er nicht türkisch, sondern eher französisch aus. Unterstrichen wurde das noch von seinen Haaren, die länger und fransiger waren, als bei jedem anderen Jungen, den ich kannte. Niemand sonst durfte sie so tragen, selbst Dalan mit seinen goldenen Locken nicht. Großmutter sagte, Koray würde einen wundervollen Ehemann für mich abgeben, wenn er sich nur die Haare schneiden ließe. Auch die Nachbarn tuschelten, dass es ungepflegt aussähe, wie bei einem Zigeuner, doch seine Eltern ließen ihn in Ruhe, und irgendwann hörten die Leute auf zu reden. Zumindest diejenigen, die ihn kannten.

Arme Jungs hatten oft kurzgeschorenes Haar, weil man davon ausging, dass sie häufiger Läuse bekämen und man diese dann schneller sehen und beseitigen könne. Jungs in unseren Kreisen trugen ihr Haar zwar etwas länger, aber immer akkurat geschnitten und in Form gebracht. 

 

Obwohl ich Koray für seine Standhaftigkeit und einige andere Eigenschaften bewunderte, standen er und ich gerade in den ersten Jahren in Konkurrenz zueinander. Ich war das blonde Küken, das es gewohnt war, im Mittelpunkt zu stehen. Dalan zeigte sich zu selten, als dass er mir diesen Status streitig gemacht hätte. Stattdessen tat Koray es, wenn seiner Ansicht nach zu viel Bohei um mich gemacht wurde.

Als einmal Bekannte seiner Eltern zu Besuch kamen und sich die Frau in schriller Verzückung über mich erging, sagte er, sie brauche sich nicht so aufregen, die Haare seien nur gefärbt. Eine Sekunde lang starrte mich die Frau an, als hätte ich es tatsächlich gewagt meinen Schopf zu bearbeiten, dann lachte sie und drückte nun Koray unter schmatzenden Küssen an sich.

Nicht, dass ich neidisch darauf gewesen wäre, ganz und gar nicht. Aber dass er mit einem Satz die Aufmerksamkeit auf sich lenken konnte, störte mich sehr, denn ich lebte in der Gewissheit, dass sie mir zustand, nicht ihm.

Diejenige, die es unter uns schwer hatte, war Korays Schwester Jale. Sie war nicht nur ein Jahr jünger als ich, sondern auch recht pummelig, sodass sie erst spät laufen lernte. Weil sie auch sonst nicht so flink und pfiffig war, wollten weder Koray noch ich sie beim Spielen dabei haben. Mit ihm allein war es ohnehin viel aufregender.

 

Wie das eine Mal beim Opferfest, als ich etwa fünf Jahre alt gewesen sein muss. Es war ungewöhnlich früh warm geworden in diesen Märztagen, und der Duft des Jasmins, der in dichten Sträuchern an unserem Grundstück stand, erfüllte die Luft. Tagelang hatten Großmutter, Tante Leyla und meine Mutter die Wohnung aufgeräumt, geputzt und geschmückt. Sie hatten eingekauft, gekocht, gebraten und gebacken; wie immer so reichlich, dass wir die Bewohner der ganzen Straße hätten beköstigen können. Jeder machte das, weil jeder nicht nur viele Gäste erwartete, sondern selbst auch viele Besuche bei Verwandten und Freunden machte. Wir zogen unsere schönsten Sachen an, Tante Leyla schminkte erst sich selbst, und legte danach mir Lippenstift auf. Ich hatte ein dunkelrotes Kleid bekommen, mit einer weißen Schleife am Kragen und Dalan trug seinen ersten Anzug. Dann klingelten Koray und Jale, die ebenso herausgeputzt waren wie wir. Ihr Auto stand schon gewaschen und poliert vor dem Haus, für den Besuch bei ihren Großeltern. Weil die drei Frauen noch immer mit Vorbereitungen und Hausarbeit zu tun hatten und ich der Hektik entgehen wollte, fragte ich, ob ich mit Koray und Jale raus dürfe. Meine Mutter sagte Nein, Großmutter sagte Ja, unter der Bedingung, dass ich mich keinesfalls schmutzig machte.

Im Garten merkte ich gleich, dass Koray in Abenteuerlaune war. Wir sollten heimlich zum Schlachtplatz laufen, flüsterte er mir ins Ohr, weil wir ja sonst das Allerwichtigste verpassen würden. Nur ganz kurz, sodass es niemandem auffiele. Natürlich durften wir den Garten nicht ohne Begleitung verlassen, ich hätte das auch nie gewagt, und schon gar nicht am heutigen Tag, aber seine Aufregung steckte mich an. Koray sagte, die Erwachsenen seien ohnehin viel zu beschäftigt, um es zu merken, und so stahlen wir uns davon, während Jale glaubte, wir würden mit ihr Verstecken spielen. Eine Weile wäre sie mit Suchen beschäftigt, und dann würden wir einfach wieder auftauchen, es war nicht weit weg. Trotzdem mussten wir uns beeilen, denn jederzeit konnte uns irgendjemand sehen und nach Hause bringen. Man ließ Kinder nicht unbeaufsichtigt herumlaufen, jeder aus dem Viertel wusste, wer zu wem gehörte und hatte ein Auge auf uns, auch wenn wir nicht ihre Kinder waren. Koray und ich hofften nun im Getümmel der anderen Menschen unterzugehen.

 

Als wir eintrafen, herrschte auf dem Platz bereits Feststimmung. Hände schüttelnd, palavernd und gestikulierend fanden sich Grüppchen von Männern zusammen, die gerade aus der nahegelegenen Moschee gekommen waren. Die älteren trugen weiße Fes-Kappen und schwarze Anzüge, und drehten Gebetsketten in ihren Händen. Von den jüngeren führten manche ein Lamm, eine Ziege oder ein Kalb mit sich. Im Gegensatz zu Korays und meinen Vater, trugen hier alle Männer Schnurrbärte. 

Etwas abseits hatten sich auch ein paar Familien mit ihren Kindern versammelt, die teils neugierig, teils angeekelt zusahen wie einem toten Rind die Haut abgezogen wurde. Der blutige Kopf und die Hufe lagen in einer Zinkwanne daneben. Man hatte das Tier mit zusammengebundenen Hinterläufen an einen Baum gehängt, und bis auf die rosa Muskelstränge sah es innen ganz weiß aus. Koray zog mich weg, weil er unseren Lebensmittelhändler entdeckt hatte, der sicher Fragen stellen würde. Wir liefen zur anderen Seite des Platzes hinüber, wo ein Schaf neben seinem Besitzer stand, nichts Böses ahnend. Einer der Männer sagte, man müsse nicht einmal seine Läufe fesseln, so ruhig sei es. Der Besitzer legte das Schaf auf die Seite, hielt es mit einer Hand fest und streichelte es mit der freien Hand, der andere umfasste das Maul und streichelte es ebenfalls. Ein dritter kam hinzu, falls es sich doch aufrappeln sollte, und gemeinsam sprachen sie ein langes Allahu-Akbar-Gebet. Das Schaf konnte sich genauso wenig rühren wie ich. Dann blitzte ein Messer im Sonnenlicht auf und Blut spritzte in einem dünnen Strahl auf den steinigen Boden. Daneben quoll in pulsierenden Stößen ein breiterer Blutstrom aus dem zuckenden Körper. Schnell bildete sich eine dunkelrote Lache um die nackten Füße des Schlächters, die in Plastik-Latschen steckten. Als die Männer das Schaf endlich losließen, schob es langsam den nach hinten überstreckten Kopf nach vorn, in die eigentliche, in die richtige Haltung, als wäre er nicht schon fast abgetrennt. Das Schaf guckte, das sah ich genau, es war noch nicht tot, und es wusste, was mit ihm geschehen war. Ein weiches Rauschen füllte meine Ohren und ließ das Blut aus meinem Kopf fließen, bis er ganz leer war. Im Staub versickert, wie das des Schafes. Vor meinen Augen tanzten weiße Sterne, als ich Koray antippte. Er hatte sich gerade dem nächsten Opfer zugewandt, einem Hammel, der laut blökend und keilend versuchte seinem Schicksal zu entgehen. Nur widerstrebend löste sich Koray von dem Schauspiel, aber nach einem Blick in mein Gesicht vergaß er den Hammel und führte mich an der Hand nach Hause. Alle paar Schritte fragte er, ob ich gehen könne, ob er mich stützen solle oder ob ich eine Pause bräuchte. Und ich ging noch ein bisschen langsamer, damit er sich länger um mich kümmerte. Vielleicht bremste mich aber auch nur die Angst vor dem, was uns zu Hause erwartete, denn wir waren zu lange fort gewesen, als dass es unentdeckt bleiben konnte.

 

In unserer Straße kam uns dann auch schon mein Vater entgegen und ich konnte die Besorgnis in seinem Gesicht lesen, bis er uns entdeckte.

Schlagartig verwandelte sich sein Ausdruck in Zorn. Noch bevor er uns erreicht hatte, begann er zu schimpfen, was uns einfiele einfach wegzulaufen, ob wir irre seien oder nicht wüssten, was sich gehörte, und ob Korays Eltern ihm nicht beigebracht hätten, dass man mit kleinen Mädchen nicht durch die Straßen zigeunerte. Er hob die Hand, um ihm eine Kopfnuss zu verpassen, besann sich dann aber und drohte Koray nur, ihn umzubringen, wenn er mich noch einmal aus dem Garten lockte. Koray blieb seltsam gelassen dabei. Ob er wirklich nur wenig beeindruckt war oder meinen Vater nicht noch weiter reizen wollte, hätte ich nicht sagen können. Ich zitterte jedenfalls am ganzen Körper, als sich die Hand meines Vater fest um meinen Oberarm schloss. Koray hatte mich losgelassen, stand aber weiterhin neben mir, so nah, dass ich seinen Geruch wahrnehmen konnte. Wie ein Schutzschild, zwischen uns und meinem Vater.

Eure Mütter sind krank vor Sorge“, polterte dieser los. „Deine Großmutter weint und die Nachbarn fragen, wie das passieren konnte! Ausgerechnet am Opferfest, was sollen sie denn jetzt von uns denken?“

Ich stand mit gesenktem Kopf vor ihm, seine dunkle Miene machte mir Angst.

Ja, genau“, rief er. „Erst machst du so einen Mist, und dann guckst du wieder groß!“

Er zog eine Grimasse, um meinen Gesichtsausdruck nachzuahmen und ich fühlte mich geschrumpft und versteinert, mit nur einem einzigen Zauberspruch, da half auch Korays Duft nicht mehr.

Herr Güneş*“, setzte Koray an, „ich …“ (*Güneş = Sonne)

Halt den Mund!“, fuhr ihn mein Vater an, während er mich voran schob. „Ein Junge in deinem Alter sollte weiß Gott mehr Verantwortungsgefühl zeigen. Du hast eine Tracht Prügel verdient, aber das überlasse ich deinem Vater. Mach dich auf was gefasst, wenn er kommt.“

Ich sah, wie sich die eine oder andere Gardine an den Fenstern unseres Haus bewegte, doch im Garten war niemand mehr.

Dich will ich nicht mehr in der Nähe meiner Tochter sehen“, zischte mein Vater Koray im Treppenhaus zu, bevor er mich endlich losließ und die Wohnungstür aufschloss. Ich sah meinem Freund nach, der die Stufen hinaufstieg und sich auf dem Absatz noch einmal umdrehte. Mein Vater stand mit dem Rücken zu Koray, sodass er dessen verschwörerisches Augenzwinkern nicht bemerkte. Und obwohl mir das Herz bis zum Hals schlug, lächelte ich.

 

 

 

Auch wenn es noch nicht so warm war wie in den Sommernächten, so streifte Ilayda doch angenehm milde Luft. Es gab keine Laternen, deren Schein das Mondlicht gestört hätten, und es reichte aus, ihr den Weg zu erhellen. Das vielstimmige Sirren der Zikaden hatte sich schon dauerhaft in ihren Ohren eingenistet. Es gehörte zum Tag und zur Nacht gleichermaßen.
Als Ilayda den Strand erreichte, wurde es allmählich leiser, denn unter dieser Kuppel spielte nur die Sinfonie des Meeres. Sie setzte sich in den Sand und lauschte.
Erst war es nur ein Wispern, ein zartes Murmeln und Raunen, das sich in ihr Herz schlich, und jeden Ton, jede Bewegung tausendfach wiederholte. Geduldig wiederholte und wiederholte, bis Ilayda seine Botschaft endlich verstand. Es war das Wasser im Kübel, das man ihr stets hinterher gegossen hatte. Das Wasser, das ihr das Meer nun in großzügigen Wellen zuströmen ließ, um ihr zu versprechen, dass jede ihrer Reisen leicht verlaufen werde, dass jede Rückkehr ebenso leicht war und dass sie darauf vertrauen konnte. Immer.

 

Wir überquerten die Hauptstraße und stiegen zwischen hohen Natursteinmauern eine Anhöhe hinauf. Wir gingen langsam, nicht nur, weil es schon sehr heiß und der Weg steil war, sondern weil mir jeder Schritt wie ein Jahr vorkam, das ich rückwärts ging. Von sechzehn auf null. Schritt für Schritt. Doch es waren mehr Schritte bis zum steinernen Tor, in dessen Säulen Bogenmuster geschlagen waren. Mehr Schritte. Ich hörte auf zu zählen und setzte einen Fuß vor den anderen. Immer einen vor den anderen. Durch das Tor hindurch und weiter. Würde er kommen? Mein Vater?

 

 

"Ich wusste immer, dass es diesen Einen irgendwo gibt. Dafür bin ich um die ganze Welt gereist, habe wichtige Erfahrungen gemacht und ihn schließlich in der Stadt gefunden, in der ich geboren  wurde." Meine Oma lächelte und wirkte plötzlich sehr jung.

"Deine große Liebe kannst du nicht verlieren, Jannah, glaub mir. Sie ist Teil von dir und ihm zugleich. Sie gehört euch beiden."

 

 

Zwischen ihm und mir breitete sich eine wortlose Ruhe aus, eine wohlige Stille, einfach so. Das Schweigen war eine Seidenraupe, die ihren dichten Kokon um uns spann und uns von allem abschirmte. Als seine Fingerspitzen meine berührten, gab es einen Funken. Ein winziges Aufblitzen. Und ein seltsam taubes Gefühl an der Stelle, als hätte ich einen Schlag bekommen.

 

 

 

Jemand hatte neben der Tanne ein großes Windlicht angezündet, das seinen sanft flackernden Schein auf die glitzernden Zweige warf.

In dieses märchenhafte Bild wurde auf einmal eine überirdische Melodie gegossen. Eine meisterhaft gespielte Trompete erklang. Stille Nacht, heilige Nacht. So schön, dass es schmerzte, so rein und betörend, dass sich Sehnsucht hinter meinen Augen staute.

 

 

Die Äste des Baumes waren über und über mit Bändern geschmückt. Manche sahen aus wie Teile von Putzlappen, manche waren kunstvoll gewebt oder geflochten. Manche nur weiß oder grau, manche einfarbig oder in sich gemustert. Lang oder kurz, heil oder in Fetzen. So viele Wünsche. So viele Träume und Hoffnungen wehten da vor uns im Wind.