LOS GEHT'S!!!

Die Dosenöffner - Sissy, Gustav und die Wildschweine

 

Leute!

 

Ich bin Jo (hier rechts auf dem Bild) und bevor Ihr eure neugierige Nase in meine Angelegenheiten steckt, lest das! Bitte! Weil, das ist wichtig:

 

Das hier ist nämlich eine Geschichte 1) NUR für Hundeliebhaber, und 2) NUR für die, die Hundeliebhaber werden wollen und 3) NUR für diejenigen, die Hunde gar nicht mögen.

 

Weil, wenn ihr sie gelesen habt, werden die Hundeliebhaber unter euch Hunde noch Tausend mal mehr liebhaben. Vielleicht auch Billionen mal. Weiß ich nicht genau.

 

Und die, die gerne Hundeliebhaber werden wollen, werden ihre Eltern schon nach dem ersten Kapitel so übertrieben nerven, einen aus dem Tierheim zu holen und bei ihrer heiligen Netflix-Serie schwören, sich 24/7 um ihn zu kümmern und garantiert jeden Haufen aufzusammeln. JEDEN! Das weiß ich zufällig ganz genau, weil ich das auch gemacht habe.

 

Und diejenigen, die Hunde überhaupt nicht mögen, werden danach entweder todesfroh sein, keinen zu haben oder zu den härtesten Hundeliebhabern ever werden. Eins davon ist sicher. Oder beides. Weil es Adam, einem Jungen aus der Geschichte, nämlich genauso ging. Erst todesfroh, jetzt der härteste. Ich schwöre!

 

Ach und denjenigen, die vielleicht Angst vor Hunden haben und deshalb so tun, als würden sie sie nicht mögen, kann ich nur raten:

 

Wenn ihr auch nur ein bisschen von eurer Angst behalten wollt, hört direkt hier und jetzt auf zu lesen. Bitte! Es bringt nichts.

 

Geht Roggenbrot holen, malt eure Fingernägel mit Edding an, zählt Popel, baut eine Solaranlage, häkelt Topflappen, erfindet erneuerbare Stinkbomben, schreibt einen Liebesbrief, räumt die Spülmaschine aus, pflanzt Radieschen, legt eurer Schwester eine ferngesteuerte Klapperschlange ins Bett, esst Spinatblätter oder zeichnet Quallen, okay? Da habt Ihr echt mehr von.

 

Halloooo??? Schluss. Aus. Laptop zu. Wegstellen. Vergessen. Licht aus. Ihr seid fertig. Hier gibt’s nichts mehr zu Gucken, ehrlich!

 

Hm … immer noch am Lesen? Also dann gehört ihr entweder zu Kategorie 1, 2 oder 3, oder ihr wollt trotzdem wissen, was in meinem Rudel los ist. Tja, dann gönnt euch!

 

Kapitel 1

 

Nackthunde um kurz nach sieben

 

Auf drei Beinen hopst der kleine braune Mops vor mir her, das vierte steht steif vom Körper ab. Der Schwanz ist hochgedreht und ich kann direkt auf das Dings gucken, wo die Haufen rauskommen, für die ich eine schwarze Tüte in der Hosentasche habe.
Ich bin froh, dass es nicht mein Hund ist, auf dessen Po-Loch ich die ganze Zeit starren muss. Ich bin sowieso froh, dass ich keinen Mops habe, weil man das bei denen nämlich immer sieht. Überhaupt denke ich, dass sich jeder erst mal das Hinterteil eines Hundes angucken sollte, bevor er ihn anschafft, weil es ja oft das einzige ist, was man beim Spazierengehen sieht. Wenn das alle machen würden, gäbe es garantiert viel weniger Hunderassen, und das wäre nicht schlecht, wegen der Überzüchtung und so.
Da gibt es ja die krassesten Sachen. Nackthunde zum Beispiel, die nur so ein paar Puschel auf dem Kopf haben und sich im Winter voll einen abfrieren. Na ja, bei einer Hundehaar-Allergie vielleicht ganz gut.

Oder die mit dem ewig langen Fell, die durch die Zotteldecke komplett überhaupt nichts sehen. Bei denen weiß man auch nie genau, ob man grade mit dem Hintern spricht, aber zum Bodenwischen sind die bestimmt super.

Oder diese Faltenhunde, die aussehen, als hätten sie ein Teddy-Kostüm in XXL an. Selbst die Augen verschwinden in den vielen Felllappen. Oder die, die aussehen, als wären sie gegen eine Wand gerannt und durch die platte Nase kaum noch Luft kriegen, wie der schnaufende und knurzende Mops vor mir.

Oder diese Micro-Teile, die in eine Teetasse passen und deshalb auch so heißen, Cupdogs. Cup heißt nämlich Tasse auf Englisch und Dogs ist ja klar: Hunde.

Ich verstehe bloß nicht, warum sich die Leute keinen Hamster kaufen, wenn ihnen ein Hund zu groß ist? Ich verstehe das alles echt nicht.
Übel ist ja auch das mit den abgeschnittenen Schwänzen, richtig übel. Ich finde es gut, dass das in Deutschland verboten ist, obwohl ich mich wundere, wie viele arme Hunde immer noch mit kurzen Stummeln rumlaufen müssen. Wenn die sich freuen denkt man, die haben einen Chinaböller gefressen, dabei wedeln die nur.
Bei unserer Sissy ist das ganz anders. Ich habe sie ausgesucht, weil bei ihr alles dran und alles überwachsen ist. Sie kann richtig gucken und ist trotzdem so voller Fell, dass es nicht auffällt, wenn hinten mal ein paar Krümel dran hängen. Und sie hat auch die richtige Größe, nicht zu groß und nicht zu klein, eben so wie ein richtiger Hund sein muss.


Ich bin Jo, zwölf Jahre. Jo ist eine Abkürzung für Johannes und wird Dscho ausgesprochen, weil das besser klingt als Jo, finde ich, irgendwie internationaler. Und es passt auch besser zu meiner Familie, die deutsch-afrikanisch gemischt ist.

 

Es ist der erste Samstag in den Osterferien, kurz nach sieben Uhr. Sissy hat sich ins Gebüsch verabschiedet, weil sie bei ihrem Geschäft nicht beobachtet werden will. Ich kenne das schon. Wenn ich daneben stehe, macht sie nicht. An ihrem Blick kann ich genau sehen, dass es ihr peinlich ist. Sie senkt dann den Kopf, legt die Ohren an und guckt an mir vorbei. Und weil ich sie nicht beschämen will, gehe ich einfach weiter.
Die erste Runde mache ich mit ihr, weil Sissy in meinem Zimmer und natürlich auch in meinem Bett schläft und mich weckt. Nämlich so: Zuerst drückt sie sich noch enger an mich dran, obwohl das eigentlich gar nicht geht, und ich schwitze wie ein Eisbär in der Wüste. Dabei hechelt sie mit ihrer heraushängenden Zunge direkt über meinem Gesicht. Manchmal reicht das schon, je nachdem was Sissy vorher gefressen hat oder ob sie sabbert. Nach so einem Tröpfchen bin ich wach, ist ja klar. Aber wenn ich mich wegdrehe, weil ich echt zu müde bin, tappt sie mit ihrer Pfote auf meine Schulter und leckt mich ab. Tapp, schleck, tapp, schleckschleck, tapptapp. Das kitzelt so doll, dass ich aufgebe. Für den Fall, dass sie mich auch damit nicht aus dem Bett holt, legt sich Sissy einfach auf meinen Kopf und wartet, bis ich keine Luft mehr kriege. Und weil sie mich danach immer so freundlich hechelnd anguckt, muss ich lachen und stehe auf.

 

Ich beschwere mich zwar, dass alle außer mir ausschlafen können, aber meistens ist es ganz schön so früh im Wald. Wenn man nicht gerade auf Gustavs Po gucken muss.

Gustav ist der Mops von Hannes, meinem Cousin. Er wohnt im gleichen Haus und nimmt den gleichen Weg wie ich. Damit wir nicht zusammen gesehen werden, lässt er mir bis zum Wald einen kleinen Vorsprung.

Meine Mutter mag es nämlich nicht, wenn ich mit ihm spreche, weil sie Hannes' Mutter nicht leiden kann. Und Hannes' Mutter mag es nicht, wenn er mit mir spricht, weil sie meine Mutter genauso wenig leiden kann. Echt wahr, die beiden hassen sich.

 

Hannes Vater und mein Vater sind Brüder und mögen sich auch nicht. Warum das so ist, weiß ich nicht, muss schon extrem kompliziert sein, weil sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr richtig miteinander reden.
Lustig an der Sache ist aber, dass Hannes und ich nicht nur gleich alt sind, sondern auch den gleichen Namen haben, Johannes. Opa lacht immer noch, weil unsere Eltern so ausgerastet sind, als sie es erfuhren. Es hat nicht viel gefehlt und sie hätten uns umbenannt. Wahrscheinlich haben sie es nur nicht gemacht, weil das viel Geld gekostet hätte. Denn eigentlich kann man sein Kind nach einer bestimmten Zeit nicht einfach umbenennen. Der Behörde ist es nämlich egal, ob mein Cousin und ich den gleichen Namen haben. Den gleichen Vornamen und den gleichen Nachnamen. Hannes und mir übrigens auch. Er heißt eben Hannes Senfmacher und ich Jo Senfmacher. Ganz einfach eigentlich.

 

Unter normalen Umständen wären wir natürlich nie zusammen in ein Haus gezogen, aber irgend so eine Urgroßtante, von der ich nicht mal den Namen weiß, hat es meinem Vater und meinem Onkel befohlen, sagt meine Mutter.

Stimmt nicht so ganz, haben Hannes und ich herausgefunden. Die Tante ist nämlich gestorben und hat vorher aufgeschrieben, was mit dem Haus passieren soll. Ist ja klar, nachher konnte sie nicht mehr schreiben, weil sie tot war.

Testament nennt man das, wenn jemand aufschreibt, was nach dem Sterben mit den ganzen Sachen passieren soll, die einem gehören. Die Tante hat also in ihr Testament geschrieben, dass wir das Haus geschenkt bekommen, wenn wir da alle zusammen mindestens fünf Jahre wohnen, beide Familien von meinem Vater und meinem Onkel. Danach dürfen wir es verkaufen oder vermieten.

Hannes und ich haben uns voll gefreut, die anderen nicht so. Denn wir wussten, dass sie uns jetzt noch weniger voneinander fernhalten können als früher, als wir noch in verschiedenen Stadtteilen gewohnt haben und uns nur zu Weihnachten, Ostern und den Geburtstagen meiner Großeltern gesehen haben.

Und jetzt wohnen wir direkt nebeneinander! Das Haus liegt in einer Siedlung mit Spielstraße und drumherum sind noch andere tolle Häuser, aber wir finden unseres natürlich am besten. Der Vater von einem aus meiner Klasse ist Immobilienmakler, und er hat meinem Vater und meinem Onkel sofort ein Angebot gemacht, für die Zeit nach den fünf Jahren.

Da habe ich mich noch mehr gefreut, obwohl ich nicht will, dass es verkauft wird. Hannes auch nicht. Wir wollen es behalten, für immer und ewig. Und später allein drin wohnen, wenn sich unsere Eltern mal scheiden lassen.

Hannes in seiner Hälfte und ich in meiner. Jetzt ist das Haus in der Mitte noch geteilt, mit einer Wand von ganz oben bis ganz unten. Es hat drei Etagen und auf jeder Seite sechs große Zimmer. Später bauen wir einen Fitnessraum mit Boxsack in den Keller und ein Kino mit riesigem Sofa unters Dach. Oder anders herum, das wissen wir noch nicht. Vielleicht machen wir auch überall die Wände weg und nehmen eine ganze Etage für unser Lego-Technik-Universum. Wir streichen die Wände schwarz, bauen beleuchtete Planeten und Weltraumstationen, dann drehen wir Animationsfilme und werden Tiktok-Stars.

Und unten lassen wir einen Bäcker einziehen. Ich finde ja, es gibt nichts Besseres, als jeden Tag den Geruch von frischen Brötchen. Hat Hannes auch gesagt. Da sind wir uns einig, wie immer.

 

Zum Haus gehört ein großer Garten, der nur durch einen niedrigen Zaun geteilt ist. Das hintere Stück grenzt an den Wald und ist so verwildert, dass Hannes und ich uns da tagsüber treffen können, ohne vom Haus aus gesehen zu werden. Nachts würde ich da allerdings nicht rumlaufen.

Am dritten oder vierten Abend nach unserem Einzug stand nämlich ein Wildschwein vor der Terrassentür und hat zu uns rein geguckt. So ein Riesenteil mit Hörnern und Riesennasenlöchern. Unsere Eltern waren im Kino, meine Schwester Marina und ich haben Harry-Potter geguckt und ich bin mit einem Satz auf unseren alten Wohnzimmerschrank gesprungen. Zack war ich oben, echt, ich schwöre!

Erst hat sich Marina noch kaputt gelacht, weil sie dachte, ich hätte Angst vor Voldemort gekriegt, doch dann hat sie zur Terrassentür geguckt und ist kreischend aus dem Zimmer gerannt. Das hat das Wildschwein aufgeschreckt, sodass es auch weggerannt ist. Da hab ich mich dann kaputt gelacht. Meine Schwester kann aber auch kreischen, ehrlich.

Komisch, dass die Fenster nicht gesplittert sind. Ich wäre auch weggerannt, wenn ich gekonnt hätte.

Marina habe ich an dem Abend nicht mehr gesehen, Harry Potter leider auch nicht. Der lief auf dem Laptop unter mir weiter, bis meine Eltern kamen und mein Vater mich vom Schrank holte.

Am nächsten Tag war eine Firma da, die den Zaun repariert hat, trotzdem gehe ich da abends nicht hin. Diese Wildschweine haben einfach zu viel Kraft und keine Angst vor nichts, vielleicht gerade noch vor dem Gekreische meiner Schwester, aber das ist ja nicht immer verfügbar. Besser also, man geht ihnen aus dem Weg.

 

 

Kapitel 2

 

Faule Socken für Dosenöffner

 

Nachdem Gustav eine Weile halbwegs normal gelaufen ist, hüpft er jetzt wieder. Seit seinem Schlaganfall im letzten Jahr denkt er manchmal, dass er nur drei, statt vier Beine hat. Das vierte lässt er aus, und den Kopf hält er auch schief. Ob das wehtut? Wenn ich ihn so betrachte, merke ich, wie sehr ich Gustav mag.

 

Für sein Aussehen kann er ja nichts, hat er sich ja nicht ausgesucht. Ich mag ihn, auch wenn er statt vor Hannes immer vor mir herläuft, weil er mal wieder vergessen hat, zu wem er gehört. Und besonders mag ich ihn, weil er es so schwer hatte, bevor er zu Hannes kam.

Gustav ist nämlich in einem Tierversuchslabor geboren und als sie ihn da krank genug gemacht hatten, sollte er eingeschläfert werden. Die Freundin von Hannes' Mutter, die bei einer Tierschutzorganisation arbeitet, hat Gustav dann raus geholt.

Behalten konnte sie ihn aber nicht, weil sie schon zwei Hunde hat, und so ist Gustav bei Hannes gelandet. Aus dem gleichen Labor stammt auch eine von drei Katzen, die bei Hannes leben. Eine ist aus dem Tierheim und schon alt, die dritte ist ihnen zugelaufen, niemand weiß woher sie stammt.

Und kurz bevor wir eingezogen sind, kamen noch vier Hühner aus einer Geflügelfabrik dazu, die wegen Quälerei geschlossen wurde. Hannes Vater hat im Garten ein Holzhaus für sie gebaut und Maschendraht darum gezogen, weil es hier in der Gegend einige Füchse gibt. Hannes sagt, dass wir bestimmt bald auch Wölfe zu sehen kriegen, weil immer mehr aus Polen rüberkommen. Darauf freue ich mich schon. Ich habe noch nie einen Wolf in Freiheit gesehen.Ob die auch in echt den Mond anheulen?


Im Galopp schießt Sissy plötzlich an uns vorbei. Vor Schreck macht Gustav einen Hopser zur Seite, denn er hört auch nicht mehr gut. Doch als er Sissy erkennt, rast er fröhlich knurzend hinter ihr her. Auf allen Vieren jetzt. Und obwohl Gustav erstaunlich schnell ist und bestimmt gut mit ihr spielen könnte, ignoriert sie ihn. Sie guckt über ihn hinweg, als wäre er gar nicht da. Sissy war in einem früheren Leben bestimmt mal eine Kaiserin oder so was. Mindestens aber eine Lehrerin, die gucken genauso, wenn man etwas macht, was sie sehr dumm finden.

 

Gustav tut mir richtig leid, wie er mit schiefem Kopf um sie herum springt und freundlich quiekt. Ein Pfiff ertönt und ich bleibe stehen.
„Hey, was los?“

Grinsend kommt Hannes heran geschlendert. In seinen Schuhen ist er barfuß, so wie ich. Morgens sind wir beide zu faul Socken anzuziehen. Doch Hannes toppt das noch, in dem er seine Jogginghose über die Schlafanzughose zieht und unter der Jacke nichts anhat.
„Kacke“, sage ich ebenso grinsend und zeige auf Hannes linken Schuh.

Och nee, nicht schon wieder!“, stöhnt er und streift seine Sohle an einem Baumstumpf ab. Es stinkt auch ein bisschen. „Meine neuen Nikes!“

 

Das ist das einzig Blöde an Hunden. Die vergraben es nicht, so wie Katzen. Schwanz hoch, hinhocken, flatsch, in gekrümmter Haltung einen Meter weiter trippeln, pfung, noch zwei Schritte, plitsch, noch ein Schrittchen, plipp und weiterlaufen.

Viele Hunde machen das so.

Abseits der Wege im Wald ist das ja in Ordnung, da brauche ich Sissy nicht hinterher kriechen, da läuft ja keiner lang.

Aber manchmal landet so was eben auch auf dem Fußweg. Neulich hatte sie Durchfall, direkt vor dem Café in unserer Straße. Drinnen und draußen die Tische besetzt, alle glotzen und ich da mit dem dünnen Tütchen am Abkratzen von den Pflastersteinen. Das ging gar nicht, echt nicht!

 

Seitdem habe ich immer zusätzlich einen Gummihandschuh in der Hosentasche. Und ich passe gut auf, dass sie nichts vom Kompost frisst. Marina schmeißt nämlich ganz gern mal ein Kilo Weintrauben weg, wenn sie ihr zu weich sind. Das hatte ich zu spät gesehen. Sissy liebt Weintrauben, sie verträgt sie bloß nicht. Und ich muss dann mit ihr raus.

Meine Mutter sagt, dass es meine Aufgabe ist, weil ich derjenige war, der unbedingt einen Hund haben wollte und der sie aus dem Knäuel der Welpen herausgefischt hat. Aber das ist gar nicht wahr.

Also ich wollte wirklich immer einen Hund, das schon. Doch eigentlich war es Sissy, die mich ausgesucht hat, weil sie als einzige zu mir herüber gekrabbelt ist und sich auf meinem Schoß zusammengerollt hat, winzig wie ein Teetassen-Hund. Ich meine, das ist doch ein Zeichen, oder? So ein Hundebaby weiß doch, wo es ihm gutgeht, oder?

 

Ich habe also überhaupt kein Problem damit, dass Sissy mein Hund ist, aber Marina und meine Eltern könnten auch ruhig mehr mit ihr rausgehen.

Meine Mutter lässt sie vormittags oft in den Garten und beschwert sich dann, dass sie auf ihre Petersilie pinkelt. Marina geht nur fünf Minuten ums Haus und ist genervt, wenn Sissy zehn Minuten später an ihrem Bett steht und winselt, weil sie wieder raus muss. Und mein Vater macht meistens die Abendrunden mit ihr.

 

Weil ich Sissy immer füttere, nennt Marina mich Dosenöffner. Anfangs hat mich das geärgert, doch jetzt höre ich gar nicht mehr hin. Wer einen Hund hat, muss sich kümmern und eben auch Dosen aufmachen. Und dafür, dass ich noch so jung bin, kümmere ich mich schon ziemlich viel, finde ich.

Hannes hat es mit Gustav leichter, er braucht ihn nur füttern und einmal mal am Tag mit ihm spazieren gehen, den Rest machen seine Eltern. Hannes' Geschwister sind noch zu klein. Aber ein Dosenöffner ist Hannes auch.

 

Lass mal zum See“, sagt er.

Okay.“ Ich weiß sofort was er meint. Im Wasser geht die Stinke schneller ab, und der Sand rubbelt die Reste weg.

Ein Specht klopft über unseren Köpfen an einen Baumstamm und unsere Hunde rascheln im Unterholz.

Hey, weißt du, was ich auf dem Dachboden entdeckt habe?“, fragt Hannes und ich schüttele den Kopf. Ich war bisher nur einmal oben, und zumindest auf unserer Seite gab es außer einem alten Holzschrank, dickem Staub und einer toten Taube nichts zu sehen.

Ein Loch!“ Hannes grinst mich an. „Ein echtes Loch, Alter!“

Also erstens habe ich da keins gesehen“, sage ich. „Und zweitens: Ein Loch, na und? Was willst du damit?“

Halloho!“ Hannes stößt mich an. „Mann, da oben können wir uns treffen oder Nachrichten hinterlegen, ohne dass unsere Eltern was mitkriegen!“

Na so was, bist ja schlauer als ich dachte!“ Jetzt grinse ich auch und zum Spaß boxen wir ein bisschen hin und her. Das ist natürlich echt cool und ich muss später unbedingt mal gucken, wo dieses Loch ist.

 

 

Kapitel 3

 

Ein Stöckchen im Käsekuchen

 

Sissy hat einen Stock gefunden und läuft damit nun vor uns her. Gustav springt um sie herum und versucht ihn ihr abzujagen.

Der alte Ritchie kommt uns mit seinem Yorkshire Terrier entgegen. In den sechs Wochen, die wir jetzt hier sind, bin ich den beiden schon oft begegnet, sie wohnen in unserer Siedlung. Der kleine weiße Hund schiebt seine Nase durch den trockenen Sand, doch als er an Sissy vorbeiläuft, hebt er den Kopf und beginnt an der Leine zu zerren.

 

 

Rocky!“, ermahnt ihn der Alte. „Hörst du wohl auf! Rocky!“

Ist schon gut“, sage ich. „Sissy findet immer die besten Stöcke, die wollen andere auch haben.“

Das ist kein Stock, mein Junge“, sagt Ritchie und betrachtet das Ding in Sissys Maul. „Das ist eine Wildschweinpfote. Weiß der Teufel, wo sie die herhat.“

 

 

Jetzt sehe ich es auch, der gespaltene Huf ragt aus ihren Lefzen. Hannes nimmt Gustav schnell an die Leine, der sich nur schwer von Sissy wegziehen lässt. Er bleibt einfach auf seinem Hintern sitzen und Hannes schleift ihn über den Waldboden. Er sieht ein bisschen grün im Gesicht aus, also Hannes, nicht Gustav. Gustav fiept nur.

 

Aus!“, rufe ich und mache einen drohenden Schritt auf Sissy zu. „Aus!“

Doch Sissy denkt überhaupt nicht dran. Im Gegenteil, sie wirft mir einen stolzen Blick zu und trabt mit ihrer Beute davon. Erst in sicherer Entfernung kaut sie weiter daran herum. Vor Ekel habe ich eine Gänsehaut. Wie kriege ich sie bloß von dem Teil weg?

Ritchie holt drei Leckerlis aus der Jackentasche.

Lock sie damit“, sagt er.

 

Mit den Leckerlis in der offenen Hand gehe ich langsam ein paar Schritte auf Sissy zu. Sie sieht mich an, als wollte ich ihren Premium-Eisbecher gegen Reiswaffeln tauschen. Dann nimmt sie die Pfote ins Maul und läuft ein Stück weiter.

Komm her!“, befehle ich. „Hierher, Sissy!“

Sissy blinzelt und hechelt und es sieht aus, als würde sie mich auslachen. Ich werde ungeduldig.

Immer wenn ich einen Schritt näher komme, weicht sie zurück und nimmt natürlich die Pfote mit. Leckerlis interessieren sie genauso wenig wie andere Hunde. Kaiserin Sissy will nur diesen alten, gammeligen, borstigen Schweinehuf.

 

So, jetzt reicht's mir aber!“

Entschlossen stapfe ich auf meine Hündin zu. Immerhin bin ich ihr Boss, in der Rangfolge des Familienrudels steht sie unter mir. Das hat man uns in der Hundeschule gesagt. Das ist wichtig in solchen Momenten. Ich weiß nur nicht, ob Sissy das auch weiß. Sie lässt mich bis auf zwei Meter herankommen, und gerade als ich den Karabinerhaken ihrer Leine öffne, schnappt sie die Pfote und haut wieder ab.

Ey, das nervt so was von!

Geht einfach weiter“, sagt Ritchie. „Beachtet sie nicht mehr. Die kommt schon hinterher.“

Etwas anderes bleibt uns auch gar nicht übrig. Ich bin froh, dass Hannes nicht lacht, er grinst nicht einmal. Hannes ist eben ein echter Freund, der weiß wann Schluss ist.

 

Und dann hören wir plötzlich lautes Gewinsel. Hinter uns eskaliert Sissy gerade total. In hohen Tönen quiekend hüpft und wedelt sie um einen schwarzen Riesenschnauzer herum, der sie von oben herab anguckt wie: „Hey, komm mal wieder klar, Mädchen!“

Der schwarze Hund heißt Murphy und gehört unserer Nachbarin Frau Pelzich. Es ist sehr peinlich, dass Sissy vor Murphy so einen Freudentanz aufführt, denn ja, ich geb's zu, ich mag nicht alle Hunde. Die meisten schon, aber diesen eben nicht. Der ist einfach zu doof, ehrlich! Und dann heißt er auch noch Mörfi; so spricht man den Namen nämlich aus. Mörfi!

 

Wenn Mörfi langweilig ist, springt er über den Zaun in unseren Garten und hebt an jedem Busch sein Bein. Er zerbeißt unsere Gartenschuhe oder meinen Fußball. Auch Marinas neuen Fahrradreifen hat er platt gemacht, doch das hat mein Vater gesehen und Frau Pelzich musste einen neuen kaufen. Murphy buddelt gern Löcher in unseren Rollrasen oder wälzt sich in unseren Gemüsebeeten. Und vorgestern hat er einen übertriebenen Haufen mitten auf unsere Terrasse gesetzt, den ich natürlich mal wieder wegmachen musste, ist ja klar! Obwohl ihn keiner dabei erwischt hat, bin ich sicher, dass der von Murphy war, so ein Ding kriegt Sissy nicht hin und Gustav schon gar nicht. Murphy läuft immer ohne Leine, weil die eh nichts bringt. Er ist zu groß, Frau Pelzich kann ihn nicht halten.

Und hören tut er nur, wenn gerade keine anderen Hunde, Eichhörnchen, Maulwürfe, Ratten, Vögel, Mäuse, Käfer, Tausendfüßler, Pappkartons, Wäscheleinen, Hasenköttel oder Käsekuchen in der Nähe sind, die er entweder jagt, frisst oder zerfleddert. In der kurzen Zeit, die wir hier wohnen, war schon zweimal die Polizei da, weil Murphy natürlich auch in anderen Gärten macht was er will. Hannes' Hühner sehen nach seinen Besuchen immer aus, als wären sie durch einen Tornado geflogen. Zum Glück beruhigen sie sich schnell wieder.

Nur vor Katzen hat Murphy Respekt, dafür haben sie mit ihren scharfen Krallen schon gesorgt.

Am schlimmsten finde ich aber, dass er mit der Nase dauernd an Sissys Hinterteil klebt und sie sich das auch noch gefallen lässt. Jeden anderen Hund knurrt oder beißt sie weg, nur den nicht.

 

Ach Gott, ist das süüüß!“ Frau Pelzich fällt bei dem Versuch Sissy zu streicheln fast über Gustav, der sich dazwischen drängelt. Ein langer Sabber-Faden hängt aus seinem Maul. Hannes zieht ihn weg, und Gustav schmiert den Faden an Frau Pelzichs Hosenbein.

Aber sie ist immer noch mit Sissy beschäftigt und würdigt Gustav keines Blickes. „Ja, eine ganz Feine bist du! So eine feine Sissy!“

 

Die feine Sissy wedelt mit ihrem Schwanz über Murphys Nase hinweg, der schnüffelt einfach weiter an ihrem Hintern und Frau Pelzich klatscht in die Hände.

Seht ihr, wie gut sie sich verstehen! Ach, was würden die für hübsche Babys kriegen! Ist Sissy eigentlich kastriert?“

 

Ich kann's echt nicht ab! Denn am liebsten möchte ich sagen, dass sie ihren blöden Köter nehmen und verschwinden soll, doch das traue ich mich nicht. Die Frau ist ja schon alt, mindestens dreißig, vierzig oder fünfzig, so genau weiß man das ja nie. Und zu älteren Leuten bin ich immer höflich, obwohl ich es nicht immer will. Passiert automatisch, kann ich nicht steuern, leider.

 

Während Frau Pelzich also redet und redet und Sissy wieder um Murphy herumtanzt, fällt mir auf, dass sie die Wildschweinpfote nicht mehr im Maul hat. Hannes hat es auch gesehen, und weil er gerade nah dran ist, greift er Sissy am Halsband und zieht sie zu mir rüber, sodass ich sie an die Leine nehmen kann. Gustav steht mit schief gelegtem Kopf und heraushängender Zunge daneben, als wäre er enttäuscht, dass das Spektakel vorbei ist. Wir gehen endlich weiter.

Sissy sträubt sich, weil sie zu Murphy zurück will, doch der hat was Interessanteres entdeckt.

 

Ach, nun lass doch das Stöckchen, Murphy-Schatz“, ruft Frau Pelzich hinter uns. „Das ist doch bähbäh!“

Hannes und ich grinsen uns an. Dieses Stöckchen wird Mörfi-Schatz jedenfalls nicht so schnell hergeben!

 

 

Kapitel 4

 

Die Rache des Eiterpickels

 

Wohnt hier eine Marina Senfmacher?“, fragt der DHL-Mann mit dem Päckchen in der Hand. „Weil, nebenan steht auch Senfmacher dran.“

Ja“, sage ich und unterschreibe mit einem Kringel auf seinem Display. „Das stimmt so, tschau!“

Ist es für mich?“ Marina springt die Treppe runter und reißt das Päckchen an sich. Beauty-Maschine steht als Absender darauf.

Warum gehst du eigentlich nie selber?“, grummele ich. „Immer muss ich aufmachen.“

Äh, bitte wofür solltest du kleiner Honk denn sonst da sein?“ Marina stolziert die Stufen wieder hoch.

Selber Honk!“, rufe ich. „Außerdem solltest du mal in den Spiegel gucken, du hast tausend Pickel!“

Keine Antwort.

Und außerdem gibt es keine Maschine, die dich schön machen kann!“, setze ich nach. „Keine einzige.“

Danke für das Kompliment.“

Alter“, stöhne ich, „die Erfindung von Schwestern war echt das Dümmste, was Gott sich einfallen lassen konnte!“

Marina guckt von der Brüstung. „Da hast du etwas missverstanden, Kleiner.“ Sie lächelt. „Gott ist eine Frau!“

Ihre Zimmertür fällt ins Schloss.

Ja, denke ich, das macht Sinn.

 

Beim Mittagessen fragt meine Mutter nach meinen Plänen fürs Wochenende. Ich weiß genau, warum sie fragt. Ich bekomme nämlich nach den Ferien einen neuen Gitarrenlehrer und ich soll üben, damit ich ihm was vorspielen kann. Dabei habe ich schon seit Monaten keine Lust mehr auf Gitarre, aber das wissen meine Eltern nicht.

 

Nur ein bisschen rumfahren“, sage ich. „Stunts üben und so.“ Ich denke an Hannes, mit dem ich ins Einkaufscenter will. Im Spieleland gibt es eine Ausstellung mit neuen Lego-Technik-Modellen, die wir unbedingt sehen müssen.

 

Wir könnten doch auch mal wieder Fußballspielen gehen, du und ich“, schlägt mein Vater vor. „Oder Tischtennis, wie wäre das, Sportsfreund?“

Eine gute Idee“, sagt meine Mutter. „Oder Gitarre üben. Du hattest doch diesen tollen Song angefangen, wie hieß der noch?“

Jo kann nicht.“ Marina spießt eine Bratkartoffel auf. „Er trifft sich mit Hannes.“

Die kann echt so übertrieben mies sein!

Stimmt ja gar nicht!“ Ich funkele meine Schwester böse an und wünsche, dass ihr die Kartoffel im Hals stecken bleibt.

Stimmt wohl! Ich hab euch vorhin vor der Tür reden gehört.“

Zu gern würde ich Marina jetzt sagen, wie schön rot ihre Pickel an der Stirn leuchten.

Nein Jo,“ meine Mutter legt ihr Besteck weg, „das wirst du nicht tun.“

Und warum nicht?“

 

Es nervt, dass ich mich mit meinem Cousin nicht treffen darf, dass wir es heimlich machen müssen, und dass es natürlich trotzdem rauskommt, weil uns draußen jeder sehen kann. Und es nervt auch, von Marina verraten zu werden und deswegen ständig Ärger zu kriegen.

 

Jaja!“, schimpfe ich. „Ich weiß! Seine Mutter ist ein Messie, sie raucht, hat keinen festen Job, kriegt zu viele Kinder und hat zu viele Tiere. Und was hat das mit Hannes zu tun?“

Das habe ich dir schon erklärt“, sagt meine Mutter und sieht meinen Vater an. Er räuspert sich.

Hör mal, Jo“, sagt er. „Deine Mutter und ich finden eben, dass mein Bruder und seine Frau nicht gerade die besten Vorbilder sind. Sie erziehen ihre Kinder auf eine Art, die wir nicht gut finden. Mit der Zeit würde diese Art auch auf dich abfärben und das möchten wir nicht.“

Woher wollt ihr wissen, wie sie ihre Kinder erziehen, wenn ihr nie mit ihnen redet?“ Ich haue auf den Boden der Ketchup-Flasche, natürlich bei geöffnetem Deckel, und es kommt wie es kommen muss.

 

Himmel, pass doch auf!“, sagt meine Mutter und starrt entsetzt auf meine drei Bratkartoffeln, die nach der Sintflut ums Überleben kämpfen. „Also, erstens haben sie eine völlig andere Auffassung von Ordnung als wir. Schon allein der Garten! Jo, jetzt nimm dir einen neuen Teller, das kann doch keiner mehr essen!“

Warum?“ Ich weiß echt nicht, was sie meint. „Was ist denn mit dem Garten?“

Entschuldige mal!“, fährt mein Vater dazwischen. „Die Haufen von Baumstämmen, Brettern und Ziegelsteinen überall? Die kaputten Fenster? Die Schrottkarre auf der Wiese? Und mittendrin dieser wackelige Stall mit den gackernden Hühnern? Findest du das gut? Ich bitte dich!“ Er tunkt seine Bratkartoffel in meine Ketchup-Suppe.

 

Ich überlege. Das alte Auto ist wirklich cool, auch wenn es nicht mehr fährt und an manchen Stellen der Lack abplatzt. Hannes' Vater hat es von einem Bastler bekommen und will es reparieren, weil es ein seltenes Modell ist. Aus den Ziegelsteinen will sich Hannes' Mutter eine kleine Werkstatt bauen. Sie ist nämlich Künstlerin oder oder so was. Die Fenster sollen da auch rein, hat Hannes gesagt. Und das viele Holz ist Arbeitsmaterial für seinen Vater. Er ist Tischler und da kann man Holz ja immer gebrauchen. Also, ich weiß nicht, was meine Eltern daran stört.

 

Als wir eingezogen sind, und das ist nun wirklich nicht lange her, da konnte man den Garten noch betreten, ohne in rostige Nägel zu treten“, schnaubt mein Vater. „Und jetzt? Kommt mein Bruder und verbreitet wieder Chaos! Das war schon früher so, immer hat er …“

Früher hattest du so nette Freunde, Jo“, unterbricht ihn meine Mutter. „Was ist eigentlich mit Titus? Der wohnt gar nicht weit weg und ihr habt euch eine Zeit lang oft getroffen.“

Ja“, murmele ich, „im Kindergarten.“

Später auch noch“, sagt meine Mutter und schenkt Wasser nach. „Sind seine Eltern nicht Diplomaten?“

Dann trefft ihr euch doch mit ihm!“ Ich werfe meine Gabel auf den Tisch und laufe aus dem Esszimmer. Jedes Mal das gleiche Theater wegen Hannes! Und wenn ich daran denke, dass das die nächsten fünf Jahre noch so weitergeht, könnte ich im Strahl kotzen. Echt!

 

Meine Laune bessert sich jedoch schlagartig, als ich mich auf dem Klo im ersten Stock einschließe, das Marina und ich uns teilen. Auf ihrer Ablage steht ein kleiner Karton mit der Aufschrift Reinipore, darin ein Gerät mit durchsichtiger Düse am Kopf. Eine Kontaktlinsen-Einsatzhilfe? Meine Schwester ist zu eitel für eine Brille und fummelt sich jeden Morgen die winzigen Dinger ins Auge. Keine Ahnung wie sie das schafft. Vielleicht ist es aber auch ein Augenbrauen-Entferner? Marina hat sich mit meiner Mutter neulich die Augenbrauen färben lassen. Bei meiner Mutter ist es ganz okay, aber Marina hat jetzt voll fette schwarze Striche im Gesicht. Da muss unbedingt was weg. Meine Meinung.

 

Ich schalte das Gerät ein, fahre damit über meine Oberlippe und erschrecke, weil es die Haut einsaugt und zwar richtig. Ein Frauenbart-Rasierer? Ein Oberlippen-Dickmacher? Mann, was ist das?

Ich halte es an meine Haare und muss lachen, weil auch die eingesogen werden. Fühlt sich witzig an. Hey, vielleicht ein Ohrenschmalz-Reiniger? Heißt doch Reinipore. Vielleicht haben die sich verschrieben und es müsste eigentlich Reini-Ohre drauf stehen? Die Düse saugt sich an meinem Ohrläppchen fest und ich muss ziehen, um es zu lösen. Mist, tut richtig weh und jetzt habe ich einen knallroten Fleck am Ohr. Wie Marina an der Stirn.

 

Oh WOW nein, halt, ich weiß!! Ein Pickelstaubsauger! Marina hat sich einen Pickelstaubsauger bestellt! Für ihre Eiterbeulen! Freunde, die Stunde der Rache ist nah!

 

 

Kapitel 5

 

Ein Pool für Sandmann

 

Am nächsten Tag bin ich mit Hannes im Skatepark verabredet. Nachdem das mit dem Spieleland nicht geklappt hat, haben wir uns mit Zetteln verständigt. Dafür war ich am Abend noch auf dem Dachboden und habe nach dem Loch gesucht. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich es gefunden habe, denn die einzige Beleuchtung ist eine kleine Glühbirne für den riesigen Raum und das Loch ist hinter dem Schrank. Da fehlen bestimmt zehn Ziegelsteine, es ist groß genug, dass Hannes oder ich durchklettern können. Weil die Rückwand vom Schrank sowieso nur noch halb drin war, habe ich sie ganz raus genommen, sodass ich mich jetzt darin verstecken und durch die Mauer mit Hannes reden kann. Einfach genial! Nur putzen muss ich da oben dringend. Ich habe meinen eigenen Rekord von sieben mal hintereinander Niesen locker verdoppelt.

 

Mit dem Rad fahre ich schnell durch den Wald, über den Mauerstreifen und die Abkürzung am Feld entlang, weil ich spät dran bin.

Als wir einzogen, wusste ich nicht, was der Mauerstreifen ist, aber mein Vater hat es Marina und mir erklärt. Damals, als er noch ein Kind war, führte eine hohe Mauer quer durch Berlin und teilte die Stadt in zwei Hälften. Sie wurde scharf bewacht, sodass die Menschen nicht einfach gehen konnten wohin sie wollten. Das war verboten, es wurde sogar auf diejenigen geschossen, die es versucht haben. Mit richtigen Gewehren und Munition, wirklich wahr! So eine Grenze zog sich auch außerhalb von Berlin, einmal mitten durchs Land. Und obwohl beides Deutschland war, gab es viele Jahre diese Teilung. Verrückt oder? Zum Glück ist das lange vorbei. Wäre ja auch zu blöd, wenn Hannes auf der einen Seite und ich auf der anderen leben müsste!

 

Im Skatepark oder Pool, wie wir ihn nennen, treffen sich alle aus der Nachbarschaft. Es gibt eine Half-Pipe, verschiedene Rampen und eine große Steilkurve. Bei gutem Wetter und vor allem Sonntags ist da immer was los, weil auch Ältere ihre Stunts üben oder die Wände besprühen. Das ist hier nämlich erlaubt. Ich beschließe, mir auch Sprühfarbe zu besorgen und ein Kürzel auszudenken. Dann kann ich da taggen.

Auf dem schmalen Pfad, der bergauf zum Pool führt, steige ich ab und schiebe das letzte Stück. Es ist ziemlich warm, und obwohl ich nur ein T-Shirt anhabe, schwitze ich.

 

Ein Mann drängt an mir vorbei. Er ist groß, hat sehr weiße Haut und eine Glatze. Neben sich hält er einen Dobermann an der kurzen Leine. Wenn der Hund nur ein kleines bisschen zieht, um bequemer laufen zu können, reißt ihn der Mann zurück an sein Bein und faucht: „Ran hier, jetzt!“

Der hat aber schlechte Laune, denke ich.

 

Hannes' Bruder sehe ich zuerst. Bruno saust auf seinem Skateboard an mir vorbei, winkt kurz und rollt in den Pool, von dem der Park seinen Namen hat. Der Pool ist ein Becken mit abgerundeten Wänden, wie eine große Schüssel, in der man super fahren kann. Auf der anderen Seite kommt Bruno hoch, setzt kurz am Rand auf und lässt sich wieder hineinrollen. Er ist richtig gut, besser als Hannes und ich, obwohl er zwei Jahre jünger ist als wir. Aber wir fahren auch nicht Skateboard. Hannes hat seinen Stunt-Scooter und ich mein BMX-Rad, mit denen wir unsere Tricks machen.

 

Deutsch-Rap schallt über den Platz, und aus der langen Half-Pipe schießt ein Skater hervor, der sich bei der Geschwindigkeit quer in die Steilwand legt.

Liron!“, schreit ihm jemand zu. „Three-sixty!“

Doch der lacht nur, springt über eine Rampe und kommt vor seinen Freunden zum Stehen.

Du Lappen“, sagt Can und knufft ihn an die Schulter. Er, Liron, Jerome und Adam gehören zu den älteren Jungs, die hier täglich fahren. Jeder kennt sie, weil sie die besten Stunts machen.

Wollte mich nicht packen“, sagt Liron. „Mein Knie tut noch von gestern weh.“

 

Während ich anderen Fahrern ausweiche, gehe ich über die Anlage zu unserem Stammplatz. Betonklötze liegen ungeordnet übereinander und schaffen Sitzflächen auf verschiedenen Ebenen. Ich nehme meine Wasserflasche heraus, trinke und werfe meinen Rucksack neben Hannes' Sachen. Tammi, Hannes' Schwester winkt mir vom Spielplatz zu, wo sie mit anderen Kindern auf einem Gerüst herum klettert. Sie ist acht.

 

An der Wand gegenüber umrandet ein Mädchen große Buchstaben mit weißer Farbe. Das sieht total gut aus. Auf jeden Fall werde ich mir Sprühfarben besorgen, auch in Weiß, und ich mag auch den Geruch irgendwie.

Endlich!“ Hannes kommt auf seinem Scooter angefahren und bremst mit einem Drift kurz vor meinen Füßen. „Was ist los? Warum hat das so lange gedauert?“

Sissy hat schon wieder so ein Wildschweinteil gefunden“, antworte ich. „Zumindest hat's so gerochen, denn was es genau war, weiß ich nicht.“

Hat sie es hergegeben?“ Auch Hannes nimmt einen Schluck Wasser aus seiner Flasche und wischt sich über die Stirn.

Natürlich nicht!“, schnaufe ich. „Aber diesmal hat sie es hinten im Garten vergraben. Danach musste ich sie erst mal ins Haus locken und einsperren und das Teil entsorgen. Ich bin froh, dass meine Mutter nicht da war. Die wäre ausgerastet!“

Komisch“, sagt Hannes und setzt sich neben mich, „Sandmann hat auch eins angeschleppt.“

Echt jetzt?“ Ich gucke ihn erstaunt an. „Der Hund von Thorsten?“

Ja, mein Vater hat ihn beim Einkaufen getroffen, da hat er es ihm erzählt. Ist der Rettungssanitäter oder so was?“

Ich nicke. Die beiden sind mir sofort aufgefallen. Thorsten und Sandmann. Vielleicht, weil der riesige Sandmann mit seinem riesigen Kopf, den riesigen Pfoten und dem dicken schwarz-braunen Fell so süß ist. Fast noch süßer als Sissy, was ja schon schwierig ist. Aber Sandmann ist dazu noch extrem lieb, zu Menschen und anderen Hunden, sogar Katzen mag er. Und das kann man ja von Sissy leider nicht behaupten.

Ich wünschte echt, Sissy wäre nach Sandmann so verrückt wie nach Murphy, das könnte ich voll verstehen, aber bei ihm knurrt sie und fletscht sogar manchmal die Zähne, wenn er ihr zu nah kommt. Dabei will er nur freundlich sein. Es nützt bloß nichts. Sissy findet den doof, daran gibt es keinen Zweifel.

Sandmanns Besitzer Thorsten mag sie dagegen total gern, weil er auch wirklich nett ist, weil er sie immer streichelt und mit ihr spielt. Wenn Sissy Thorsten irgendwo sieht und zufällig nicht an der Leine ist, guckt sie weder rechts noch links, hört natürlich auch nullkommanull, wenn ich sie zurückrufe, weil vielleicht eine Straße, ein Kinderspielplatz oder ein Teich zwischen ihnen liegt, sondern rennt sofort zu ihm. Das ist total gefährlich und ich bin froh, dass ihr bisher nichts passiert ist. Ehrlich, manchmal verstehe ich meinen Hund nicht.

Denn es ist ja nicht so, dass sie bei uns nicht genügend gestreichelt würde, im Gegenteil. Sie wird ständig von uns allen so viel geknuddelt, dass sie es von anderen gar nicht brauchen dürfte. Na ja, von meiner Mutter vielleicht nicht ganz so viel, weil sie lieber einen Gartenteich mit Koi-Fischen gehabt hätte, aber weil die zu teuer waren und es eh 3 zu 1 für Sissy stand, hatte sie natürlich keine Chance.

 

Hab ich dir nicht verboten wegzugehen, wenn ich nicht da bin?“ Ein paar Meter von uns entfernt, steht der Mann mit dem Dobermann vor einem kleinen Mädchen, das ihn trotzig anguckt. „Los jetzt! Ab nach Hause mit dir!“

Das Mädchen nimmt ihren rosa Roller vom Boden auf und winkt Hannes' Schwester zum Abschied zu.

Sie ist ein Pflegekind“, raunt Tammi, während sie eine Packung Kekse herausnimmt. Hannes und mir gibt sie auch einen. „Sie heißt Olivia Groban.“

Aha“, sagen Hannes und ich gleichzeitig und grinsen, obwohl es bestimmt nicht witzig ist, Pflegekind bei dem Groban zu sein. Wahrscheinlich ist es insgesamt nicht ganz so witzig ein Pflegekind zu sein, weil die eigenen Eltern entweder gestorben sind oder es nicht auf die Reihe kriegen für einen zu sorgen. Ich stelle es mir jedenfalls schwer vor in einer fremden Familie zu leben, auch wenn mir meine gerade richtig auf den Piep geht.

Als die beiden an den Jungs vorbeigehen und der Hund neugierig an Adams Hand schnuppert, macht Adam vor Schreck einen Satz nach hinten. Heftig reißt Herr Groban an der Leine, der Hund stolpert.

 

Das war jetzt echt knapp, Adam!“, sagt Liron. „Beinahe wär' die Hand ab gewesen!“

Can lacht laut heraus und Jerome schlägt Adam auf die Schulter. „Alter, dein Blick! De luxe!“

Mann, der war so groß!“ Adam lacht auch. „Woher soll ich denn wissen, dass der nicht beißt?“

Es gibt wirklich Leute, die Angst vor Hunden haben“, sage ich zu Hannes. Er nickt.

Voll crazy, oder?!“

 

 

Kapitel 6

 

Hundert Kilo Stinkwolke

 

Am Nachmittag ist Hannes bei mir. Also richtig in unserem Haus, in meinem Zimmer, und es ist egal, was unsere Eltern sagen. Na ja, fast. Außer uns ist nämlich niemand da. Mein Vater macht eine Radtour mit einem Freund, meine Mutter ist mit Marina auf einer Kosmetikmesse, um für den Laden, in dem sie arbeitet, nach neuen Schminksachen zu gucken. Und Hannes Eltern sind mit seinen Geschwistern und Gustav auf der Thai-Wiese am Fehrbelliner Platz. Hannes ist nur meinetwegen nicht mitgefahren, obwohl man da unglaublich lecker essen kann. Bei schönem Wetter am Wochenende wird im Freien gekocht und das Essen an die Leute verkauft, die mit ihren Decken auf der Wiese herumliegen. Eigentlich ist es nicht erlaubt, wird aber trotzdem gemacht. So wie Hannes und ich es mit unserer Freundschaft machen.

 

Sissy schnarcht lang ausgestreckt zu unseren Füßen und ich erzähle Hannes von dem Ärger, den ich wegen Marina bekommen habe.

Ja, ich auch“, sagt Hannes. „Bruno hat sich verquatscht. Aber es ist egal, weil unsere Eltern sowieso nichts machen können.“

Stimmt eigentlich“, sage ich. „Entweder wir oder ihr zieht aus und dann ist das Haus weg. Oder sie halten die fünf Jahre durch.“

Die halten durch, glaub mir!“ Hannes krault Sissy an den weichen Schlappohren. „Also zumindest meine Eltern. Deine haben mehr Geld, ihr könntet auch gut woanders wohnen, wir müssten wieder in so eine Hartz IV Wohnung, weil mein Vater gerade keinen Job hat. Und da will keiner von uns nochmal hin.“

Und deine Mutter?“, frage ich.

Ach!“ Hannes winkt ab. „Sie verkauft ihren selbstgemachten Schmuck im Internet, aber das läuft nicht.“

 

Sissy furzt laut und fährt gleichzeitig erschrocken aus dem Schlaf hoch. Hannes lacht, aber ich schimpfe:

Boah nee, Sissy!“

Sie schnuppert an ihrem Hinterteil, steht auf und lässt uns allein in der Stinkwolke sitzen. Ich halte die Luft an, während ich das Fenster groß öffne. Sissys Fürze machen ohnmächtig, ich schwöre!

 

So viel verdient mein Vater auch nicht“, gebe ich zurück. „Unsere vorherige Wohnung war zwar okay, aber nichts gegen das hier.“

Dann bleib locker. Die werden sich schon daran gewöhnen.“

Hannes Worte beruhigen mich irgendwie, denn ich habe gerade gar keine Lust auf noch eine Veränderung. Schön wäre es zwar, wenn unsere Eltern auch Freunde wären oder sich zumindest besser vertragen würden. Aber Hannes hat recht, es ist egal, weil seine Eltern und meine Eltern das Haus unbedingt haben wollen. Da bin ich sicher.

 

Während wir uns den neuen Lego-Katalog ansehen und ich ihm zeige, welche Sets ich unbedingt haben will, erzählt Hannes, dass er ausgerechnet hat, wie viel Gustav in seinem Leben so von sich gibt. Häufchenmäßig meine ich. Er hat eine gefüllte Tüte mit nach Hause genommen und gewogen, fest zugeknotet natürlich, sonst wäre es ja eklig geworden.

 

Halt, warte!“, rufe ich. „Sag nicht, wie viel es war. Wir machen eine Runde mit Sissy, dann haben wir einen direkten Vergleichswert!“

Nach einer knappen halben Stunde liegt die Tüte auf unserer Haushaltswaage in der Küche und zeigt 120 Gramm an.

Wow!“, macht Hannes. „Bei Gustav waren es nur 90.“

Und dann rechne ich: 120 Gramm mal drei, weil sie etwa dreimal am Tag kackt. Macht 360 Gramm am Tag. 360 mal 365 Tage im Jahr, geteilt durch tausend, um die Masse in Kilos zu bestimmen. Sind abgerundet 131 Kilo pro Jahr. Wenn wir mal annehmen, dass Sissy etwa 13 Jahre alt wird, komme ich bei ihr auf über 1700 Kilo, Durchfall nicht eingerechnet.

Krass!“ Hannes ist beeindruckt. „Das muss man sich mal vorstellen, fast zwei Tonnen Scheiße, von nur einem Hund! Gustav …“

 

Scheiße sagen wir in diesem Haus nicht, Johannes!“, unterbricht ihn meine Mutter. „Merk dir das!“

Weder Hannes noch ich haben sie kommen hören, so ein Mist!

Marina steht neben ihr und schenkt uns ein schadenfrohes Lächeln. Ihr Gesicht ist ganz glatt und viel heller als ihre normale Hautfarbe, die Augen knallblau, auch innen drin, das sieht zombiemäßig aus. Ob es auf der Messe eine Faschingsabteilung gab? Ich frage besser nicht.

 

Okkkay,“ stottert Hannes mit roten Wangen. „Also, ich hab' das gesagt, weil bei uns da … da ist das nämlich viel weniger. Unser Hund setzt pro Jahr nur etwa 100 Kilo Kot ab.“

 

Das findet meine Mutter aber auch nicht besser, sondern nur absolut schwachsinnig. Erst jetzt bemerkt sie die schwarze Tüte auf der Haushaltswaage und begreift, was wir gemacht haben.

Ja, seid ihr völlig übergeschnappt, oder was?“, schreit sie. „Ihr bringt EURE Kacke hier in MEINE Küche? Geht’s noch? Ich fasse es ja nicht! Wie ekelhaft könnt ihr sein?“

 

Ich wage es nicht, meine Mutter darauf hinzuweisen, dass es keinesfalls UNSERE Kacke ist. Auch schweige ich lieber darüber, dass sich Kacke nicht wirklich von Scheiße unterscheidet und daher in diesem Haus auch nicht gern gehört wird. Denn meine Mutter ist in diesem Zustand absolut unberechenbar, ihre schwarzen Augen sind riesengroß aufgerissen und ihre Zähne gefletscht. Sie sieht aus wie eine Voodoo-Göttin. Und sie scheint plötzlich viel mehr Volumen zu haben als in ihrer normalen Betriebstemperatur. Überhaupt ist das eine interessante Idee, wie man das wohl berechnet?

 

Doch statt mein Leben oder das von Hannes zu riskieren, nehme ich lieber die Tüte und ziehe Hannes am Ärmel zur Tür.

Ja also, ich geh dann wohl besser mal“, sagt er.

UN-BE-DINGT!“, schnaubt meine Mutter. „Raus! RAUS!“

 

Natürlich habe ich ab sofort und für die nächsten hundert Jahre Küchendienst, und natürlich freut sich Marina, wenn sie mich beim Tisch abdecken, Spülmaschine ein- und ausräumen, Zwiebel- und Salatreste aus dem Waschbeckensieb pulen, Brotkrümel wegwischen, Tomatensoße vom Herd putzen und Mülltüten raus bringen, herumkommandieren kann.

Dass meine Mutter aber zusätzlich noch zwei Tage Hausarrest dranhängt, ohne auf die Rückkehr meines Vaters zu warten, ist nicht sehr schlau. Denn mein Vater ist auf der Radtour gestürzt und hat sich den Knöchel verstaucht, weil ihn ein Autofahrer von der Landstraße gedrängt hat. Jetzt kann er nicht auftreten und meine Mutter muss selbst mit Sissy gehen. Und die Haufen muss sie auch wegmachen. Ob sie dabei wohl ans Gewicht denkt? Wahrscheinlich nicht.

 

Ich bin ja der Meinung, dass Eltern froh sein sollten, wenn sich ihre Kinder für eine Sache interessieren und diese umfassend untersuchen. Forscherdrang nennt man so was.

Aber damit brauche ich meiner Mutter nicht zu kommen und Hannes seiner auch nicht. Genau genommen kann ich da mit niemandem drüber sprechen, nur Hannes findet diese Berechnungen so faszinierend wie ich.

Mein Vater hätte gern darüber gelacht, das habe ich genau gesehen, doch nach einem Blick auf meine Mutter, tat ihm der Knöchel wieder so weh, dass er sich hinlegen musste.

 

Ein Gutes hat die Sache aber dann schon. Beim Sortieren des Bestecks finde ich in der Schublade eine alte Tube blaue Lebensmittelfarbe. Meine Mutter benutzt so was manchmal für unsere Geburtstagskuchen. Die Tube hat ein wenig Ähnlichkeit mit Marinas Pickelstaubsauger und das bringt mich auf eine Idee.

Ich bin extrem stolz, als es mir gelingt, die Düse des Geräts mit der blauen Farbe zu füllen, ohne dass sie ausläuft. Dann nur noch die Tür verriegeln und auf den Aufschrei warten. Vielleicht lässt sie mich ja sogar was wünschen? Genug blaue Punkte hat sie ja jetzt. Ehrlich, es geht doch nichts über ein eigenes Sams im Haus!

 

Update: Okay, Marina wollte nicht unser Sams sein, im Gegenteil, sie hätte mich fast gekillt, denn die Lebensmittelfarbe hat sich so krass in ihre Pickel gefressen, dass man sie nach einer Woche immer noch sah. Da nützten auch die blauen Augen nichts.

 

Kapitel 7

 

Straßenschlacht auf Wasserskiern

 

Die ersten Ferientage sind immer die besten, weil man noch so im Schulmodus ist, dass man ganz früh aufwacht und einem dann einfällt, dass man sich auf die Seite rollen und weiterschlafen kann. Wenn nicht grade eine Tonne Sissy auf einem liegt oder sie mit ihrem Ich-muss-mal-Jaulen beginnt. Das tut sie natürlich nur bei mir, ist ja klar. Sie tappt mit ihrer Pfote auch nur in meinem Gesicht herum, voll klar. Und wer jetzt aufsteht, ist erst recht klar.

Hi, ich bin Jo-Lappen-Senfmacher, der unbedingt einen Hund wollte! Warum noch mal genau? Und wollte ich das wirklich?

Na ja, seufzend steige ich aus dem Bett, und noch während ich in meine Hose taumele, klingelt es an der Haustür. Ey, wenn das wieder der Paketbote für Marina ist! Ich lass' dem von Sissy auf die Schuhe pinkeln, ich schwöre!

 

Doch vor mir steht Frau Pelzich mit Pudelmütze und einer gemusterten Strickjacke, die bis über ihre gelben Gummistiefel schlabbert. Murphy ist nicht dabei, Sissy wedelt trotzdem und schiebt ihre Nase zwischen die Beine von Frau Pelzich.

Viele Hunde machen das, nur zur Info. Das ist ihre Art der Begrüßung. Menschen geben sich die Hand und fragen wie es dem anderen geht, Hunde riechen am Po, weil sie nicht sprechen können und an der Stelle wohl die interessantesten Gerüche sind. Eigentlich wollte ich es Sissy zumindest bei Menschen abgewöhnen, na egal, Frau Pelzich kneift die Beine zusammen und schiebt sie zur Seite.

 

Ähm …“, stammelt sie. „Sind deine Eltern nicht da?“

Sissy flitscht an ihr vorbei und es läuft schon, bevor sie das Gebüsch in unserem Vorgarten erreicht hat. Okay, das war dringend, sehe ich ein.

Doch, die schlafen“, gähne ich und wünschte, ich könnte Frau Pelzich fragen, ob es echt ihr Ernst ist, mitten in der Nacht an unserer Tür zu klingeln.

Im Altglascontainer scheppert und splittert es. Herr Schorf, der Nachbar von Frau Pelzich auf der anderen Seite, wirft wieder eine Flasche ein. Jetzt weiß ich, dass es sechs Uhr morgens sein muss, weil Herr Schorf jeden Tag um sechs eine Flasche einwirft.

 

Ach so, das ist ja schade“, sagt Frau Pelzich, „weil, ich habe nämlich vergessen, wo ich mein Auto abgestellt habe, und jetzt finde ich es nicht mehr und wollte fragen, ob sie es vielleicht wüssten?“

Meine Eltern sollen wissen, wo ihr Auto ist?“

Sorry, aber dafür ist es echt zu früh. „Nein, tut mir leid“, murmele ich und drücke die Tür zu.

Und du?“, fragt Frau Pelzich schnell in den noch offenen Spalt. „Hast du es vielleicht irgendwo stehen sehen?“

 

Ich? Ich erinnere mich nicht mal daran, dass ich einen Hund habe, denn nachdem die Tür zu ist, wanke ich wieder nach oben in mein Zimmer und lege mich schlafen.

Ich träume von Wickie und den starken Männern. Die Wikinger fahren mit ihrem Schiff übers Meer und rufen immer wieder: „Hey hey, Wickie! Hey, Wickie, hey!“

Und dann falle ich plötzlich über Bord und sehe in das wütende Gesicht meiner Schwester, die an meiner Schulter rüttelt. „Mann, was läuft eigentlich falsch bei dir?“

Wieso? Was ist los?“ Schlaftrunken setze ich mich auf. Von der Straße schallt Gesang durch das offene Fenster.

 

Hey hey, Sissy! Hey, Sissy, hey!“

Was los ist? Sissy ist zum Schlittenhund geworden, das ist los!“

 

Ich gehe ans Fenster und reibe mir die Augen. Echt jetzt?Was macht Sissy da draußen? Wieso …?

Es ist Lirons dreizehnjährige Schwester Klara, die da singt. Sie hat Sissy ein Seil umgebunden und Sissy zieht sie auf Inlinern hinter sich her. Klara hat das Down-Syndrom. Menschen mit Down-Syndrom sind besonders und brauchen für viele Dinge mehr Zeit und manchmal auch mehr Hilfe. Klara kommt jedenfalls gut damit zurecht, sie ist meistens fröhlich. In diesem Moment ist sie sogar ganz besonders fröhlich.

Im Gegensatz zu Liron. Der lehnt sich im Haus gegenüber mit verstrubbelten Haaren aus dem offenen Küchenfenster.

 

Hör sofort auf damit!“, schreit er. „Halt an, Klara!“ Barfuß, mit nacktem Oberkörper und in Schlafshorts sprinte ich die Treppe runter und reiße die Haustür auf.

Guck mal, ich fahre Wasserski!“, ruft Klara und winkt ihrem Bruder zu. „Hey hey, Sissy! Hey, Sissy hey!“

 

Nebenan knallt die Haustür zu. Ich laufe los, doch Hannes' Mutter ist schneller bei Klara als ich.

Ja, spinnst du denn?“, schimpft sie. „So was geht doch nicht auf der Straße! Und der arme Hund! Beinahe hättest du ihm wehgetan!“

 

Sissy hechelt zwar, sieht aber weder arm, noch irgendwie beschädigt aus. Eher so als hätte es ihr Spaß gemacht. Entsetzt starrt Klara Hannes' Mutter an und fängt an zu weinen.

 

Ist ja schon gut“, sage ich, um Klara zu beruhigen. „Nichts passiert.“ Ich löse das Seil und halte Sissy am Halsband fest. Klara weint trotzdem sehr laut.

Wie, nichts passiert?“, meckert mich Hannes' Mutter jetzt an. „Und wenn ein Auto gekommen wäre? Was dann? Wieso läuft dein Hund überhaupt allein draußen herum? Warum passt du nicht auf ihn auf?“

Weil ich …“, setze ich zu Antwort an, doch Liron, der plötzlich neben mir steht, unterbricht mich.

Weil das eine Spielstraße für Kinder ist und Klara hier immer Inliner fährt“, sagt er. „Autos müssen langsam fahren.“

Das tun sie aber nicht immer!“

 

Mann, jetzt kommt auch noch Hannes' Vater! Na, das kann ja lustig werden!

Und wenn es erst mal richtig gekracht hat, dann guckt ihr alle blöd aus der Wäsche“, schimpft er, „so sieht's doch aus!“

Und wenn sie beim Fahren über den Hund stolpert,“ ereifert sich Hannes' Mutter, „dann sind nachher beide verletzt!“

Und wenn er sie auf die Hauptstraße zieht, dann ist alles aus!“ Hannes' Vater wendet sich an Liron. „Und wo bitte sind deine Eltern? Wie können sie dieses Kind hier allein lassen? Unverantwortlich!“

Meine Eltern müssen arbeiten“, sagt Liron.

Und dann lassen sie euch in den Osterferien ganz allein zu Hause?“ Hannes' Vater schüttelt den Kopf. Aus dem Augenwinkel sehe ich eine Gestalt näherkommen und höre eine mir wohlbekannte Stimme.

 

Es soll ja noch Leute geben, die selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen, anstatt sich vom Staat bezahlen zu lassen“, sagt meine Mutter. „Doch die werden dafür angepöbelt! Kaum zu glauben!“

Die Augen von Hannes' Mutter verengen sich zu schmalen Schlitzen.

Dafür sind wir jederzeit für unsere Kinder da und lassen sie nicht unbeaufsichtigt auf der Straße spielen!“

Nein, das tut ihr wirklich nicht!“, schnaubt meine Mutter. „Ihr lasst eure Kinder nur in einem Garten spielen, der gefährlicher ist als jede Baustelle und dreckiger als eine Müllkippe!“

 

Tja, und gerade als ich denke, dass es nicht schlimmer kommen kann, erscheint mein Vater auf Krücken humpelnd und alle eskalieren erst richtig. Jetzt schreit Hannes Mutter meine Mutter an, mein Vater verteidigt meine Mutter und schreit seinen Bruder an. Der wiederum brüllt meinen Vater und meine Mutter an. Sie liefern sich die peinlichste Straßenschlacht, die ich je erlebt habe, wirklich wirklich wahr! Sie werfen sich Beleidigungen an den Kopf, drohen mit Rechtsanwälten, faulen Eiern und elektrisch geladenen Gartenzäunen und das in einer Lautstärke, bei der ich Kopfschmerzen bekomme. Auch andere Nachbarn hängen jetzt in den Fenstern und gucken zu. Herzlich willkommen bei Senfmacher TV!

 

Liron versucht die weinende Klara zurück in ihre Wohnung zu bringen, doch sie sitzt schluchzend am Boden und lässt sich nicht bewegen. Hannes' Geschwister Tammi, Sara und Bruno sind jetzt auch irgendwie da und die Mädchen weinen mindestens genauso doll. Bruno hat richtig zu tun, sie von unseren zankenden Eltern wegzuziehen, die gar nichts mehr mitkriegen.

 

Ich sehe Herrn Groban, den Pflegevater von Olivia, mit seinem Hund auf uns zukommen. Der Hund tänzelt aufgeregt an der ultrakurzen Leine. Er hat eine Wildschweinklaue im Maul. Herr Groban tut so, als würde er den Streit nicht bemerken und will vorbeigehen. Ich tippe ihn an.

Hallo, ihr Hund hat da was vom Wildschwein“, sage ich und erwarte, dass er dem Hund das Teil sofort aus der Schnauze reißt und ihn vielleicht sogar bestraft.

Das ist auch richtig so“, antwortet Herr Groban aber stattdessen. „Ist schließlich ein Jagdhund. Die brauchen ab und zu frisches Blut.“

Wo haben Sie denn den Schwachsinn her?“, fragt ihn Herr Schorf, der außerhalb seiner gewohnten Zeit eine Flasche zum Altglascontainer gebracht hat. „So etwas Dummes habe ich ja noch nie gehört!“

Ich geb' Ihnen gleich was Dummes!“, ruft Herr Groban. „Was richtig Dummes!“

Ach ja? Wie interessant!“ Herr Schorf lächelt. „Immer raus damit!“

 

Entschuldigung, aber nun reicht's, echt! Ich kann nicht mehr. Und mein einziger und bester Freund Hannes, der jetzt eigentlich hier sein müsste, der ja wohl unbedingt an meiner Seite sein müsste, schläft. Der schläft einfach, während hier draußen die Welt untergeht. Toll Johannes Senfmacher, echt toll gemacht!

 

Kapitel 8

 

Die Wespe im Vogelei

 

Hannes und ich sitzen im Garten und zeichnen Vorlagen, nach denen wir im Pool eine Wand ansprayen wollen. Er hat die Hühner rausgelassen und nun gurren und picken sie gemütlich um uns herum. Ich habe meinem Freund verziehen. Ging nicht anders, denn er kann nichts dafür. Wenn Hannes schläft, dann schläft er. Ob draußen ein Tornado tobt, der Blitz neben seinem Kopfkissen einschlägt oder das Haus einstürzt, Hannes schläft. Man muss ihn berühren, damit er aufwacht. Am besten am Ohrläppchen, da ist er empfindlich. Aber Geräusche hört er nicht. Erschütterungen merkt er nicht. Auch Sissys Fürze würden ihn im Schlaf wahrscheinlich nicht stören. Hannes vermutet das auch, weil Gustav nämlich auch krass pupst und in seinem Bett schläft.

Ich habe Hannes einen Stink-Test im Schlaf vorgeschlagen und er ist einverstanden. Machen wir bei Gelegenheit.

 

Jetzt sitzt Hannes auf einem Baumstumpf in seinem Garten, ich sitze einen Meter entfernt im Gras in unserem Garten, weil er nicht zu mir darf und ich nicht zu ihm. Trotzdem unterhalten wir uns natürlich, wenn auch leiser als sonst. Meine Eltern sind zwar nicht da, meine Mutter hat während der Ferien ein paar Tage frei und ist mit meinem Vater wegen seines Knöchels zum Arzt gefahren. Auch glaube ich nicht, dass sie sich in der nächsten Zeit im Garten sehen lassen, aber gefallen würde es ihnen nicht.

Hannes und ich sprechen über die vielen Wildschweinteile im Wald und was wohl dahinterstecken mag. Er glaubt, dass der Förster die Tiere geschossen, nur nicht alle wiedergefunden hat, sodass manche von Füchsen und vielleicht sogar von einem Wolf gefressen wurden.

Ich glaube das nicht, weil dann auch andere Körperteile wie der Kopf und so herumliegen müssten. Tun sie aber nicht. Es sind immer nur die Beine mit den Hufen. Ich könnte mir eher vorstellen, dass es ein Tierquäler ist, der Spaß daran hat. Na ja, wer weiß? Merkwürdig ist die Sache auf jeden Fall. Sehr merkwürdig sogar.

 

Die Terrassentür schwingt auf, ein Huhn hüpft gackernd zur Seite, und Sara kommt heulend heraus. Sie ist fünf. In der Hand hält sie eine kleine Holzkiste, die sie Hannes unter die Nase hält. Ich recke den Hals.

Guck!“, schnieft sie. „Sie hat recht, es stimmt!“ Und dann heult Sara wieder los.

Was stimmt?“, fragt Hannes verwirrt. „Wer hat womit recht?“

Na, Tammi!“, sagt Sara ungeduldig. „Tammi hat gesagt, dass ich gar nicht richtig zur Familie gehöre, weil ich nicht in Mamas Bauch gewachsen bin!“

Lass dir doch keinen Mist erzählen, Sara!“, sagt Hannes. „Natürlich warst du in Mamas Bauch! Wo solltest du denn sonst gewachsen sein?“

Na, hier drin!“ Sara zeigt auf die Schale von einem Vogelei in ihrer Holzkiste. „Tammi hat gesagt, dass ich da raus geschlüpft bin und dass sie die Schale als Erinnerung für mich aufgehoben hat!“

 

Ich muss mich umdrehen, damit Sara mein Gesicht nicht sieht. Ich will nicht lachen, doch es kostet mich echt Kraft. Ich darf auch Hannes jetzt nicht angucken, sonst ist es vorbei.

Muss los!“, presse ich mühsam hervor und laufe schnell ins Haus.

 

Na, Clown gefrühstückt?“ Marina sitzt vornübergebeugt auf dem Sofa, in der einen Hand ihr Handy, mit der anderen streichelt sie Sissy, die über den Teppich rollt und ihr den Bauch hinhält.

Selbst wenn“, gebe ich zurück. „Brauche ich zum Lachen deine Genehmigung?“

 

Sissys Kopf liegt verkehrt herum und ihre flauschigen Ohren schleifen auf dem Boden. Als Marina neben sich in die Schale mit Chips greift, springt Sissy auf und hält ihre Nase in die Sweet-Chilli-Brise, doch Marina schiebt sie weg.

Aus!“, sagt sie und wendet sich wieder an mich. „Sag mal, kennst du einen Adam?“

Ja, ein Freund von Liron“, antworte ich. „Er ist mit den anderen Skatern oft im Pool. Warum?“

Nur so“, schmunzelt Marina.

Stehst du auf den, oder was?“ Ich greife nach den Chips, Marina haut mir auf die Finger.

Ey, hol dir selbst welche!“

Ja danke, du mich auch!“, grunze ich und gehe in die Küche. Ganze drei Chipskrümel hat mir meine Schwester in der Tüte gelassen. Wir brauchen dringend Nachschub, denn auch alle anderen Süßigkeiten sind bis auf ein trockenes Marzipanschwein weg. Ich betrachte das Schwein, das uns Opa zu Silvester mitgebracht hat.

 

Nein, tue ich übrigens nicht!“, ruft Marina aus dem Wohnzimmer und als ich nicht antworte, schickt sie ein Überhaupt nicht! hinterher.

Ich weiß schon nicht mehr wovon sie spricht, ich bin gerade ganz woanders. Diese Wildschweinsache will mir nicht aus dem Kopf. Zu gerne möchte ich wissen, was es damit auf sich hat. Wer tötet die Tiere? Und warum? Und weshalb werden die Beine zurückgelassen?

 

Sissys Krallen machen tapsende Geräusche auf dem Holzboden, dann schiebt sie ihre kalte Nase in meine Hand. Weil da nichts Fressbares ist, schnüffelt sie durch die Küche, bis sie ein Stück Apfel findet, das ich zu faul war aufzuheben. Schlupp, ist es weg. Praktischer als ein Staubsauger, echt!

Dann langt Sissy mit der Pfote unter die Anrichte, und ihr angekauter Tennisball kommt herausgekullert. Auffordernd legt sie ihn vor meine Füße.

Wuff!“

Hunde können sprechen, ich schwöre! Sie sprechen mit dem ganzen Körper und wer auch nur ein bisschen genauer hinsieht, weiß natürlich was sie sagen.

Ich schieße den Ball Richtung Tür, Sissy schießt hinterher, klar. Dabei rutscht sie auf dem glatten Boden aus und schnappt noch im Schlittern den Ball aus der Luft, der von der Wand abgeprallt ist. Mit dem Teil im Maul guckt sie mich an, ihre Zunge hängt seitlich heraus.

Fieps!“

Ja stimmt, echt krasse Nummer! Gut gemacht!“

Aus dem Küchenfenster kann ich Hannes, Bruno und Sara sehen, wie sie draußen aus einem Kantholz und einem langen Brett eine Rampe bauen. Gustav flitzt neugierig von einem zum anderen. Als Hannes mit seinem Scooter Anlauf nimmt, über das Brett fährt und ein Stück durch die Luft fliegt, rast Gustav auf seinen drei Beinen neben ihm her. Das vierte steht wie gewohnt ab.

Nachdem Bruno darüber gesaust ist, gibt er den Scooter an Sara weiter und holt sein Skateboard. Gustav streckt hechelnd alle Viere von sich, auch die Hinterläufe liegen flach am Boden. Sieht witzig aus.

Gleich nach dem ersten Sprung leuchten Saras Augen wieder. Sie wird wohl doch kein Vogelei-Trauma davontragen. Schade, dass Marina älter ist als ich, den Spaß hätte ich zu gern mal an ihr ausprobiert.

 

Geht der bei dir auf die Schule?“ Meine Schwester erscheint in der Küchentür.

Wer?“, frage ich.

Boah, der Osterhase!“, schnaubt sie. „Mann, Adam natürlich!“

Warum willst du das wissen?“ Ich grinse breit und weiche aus, weil sie mir eine Kopfnuss geben will, doch so oft sie es auch versucht, jeder Schlag geht ins Leere. Und je wütender sie wird, umso mehr lache ich. Schließlich nennt sie mich ein blödes A und verschwindet in ihr Zimmer.

Mit Geschwistern ist das ja schon komisch. Zumindest bei mir, denn manchmal denke ich, dass Marina vielleicht gar nicht das Kind meiner Eltern ist. Im Gegensatz zu mir sieht sie trotz der braunen Haut weder meiner Mutter, noch meinem Vater, noch jemand anderem aus der Familie ähnlich, und sie benimmt sich wie eine schlechtgelaunte Wespe.

Könnte es nicht sein, dass sie im Krankenhaus vertauscht wurde? Dass sie gar nicht meine Schwester ist, sondern dass ich in Wirklichkeit einen voll genialen Bruder habe, so einen wie Hannes?

Oder dass meine Eltern sie adoptiert haben, ohne uns was davon zu sagen? Wäre doch möglich, hört man ja immer wieder so was. Oder, dass Marina durch künstliche Befruchtung entstanden ist und irgendwer dabei nicht richtig aufgepasst hat? Hirnzellen vergessen vielleicht oder an die verkehrte Stelle gesetzt oder so? Vielleicht wurde eine kaputte Dichtung eingebaut? Wer weiß, vielleicht ist sie nicht mal ein Mensch, sondern ein Avatar? Obwohl, Avatare sind netter, glaub ich. Na egal, jedenfalls würde ich sie super gerne gegen Hannes eintauschen. Dabei fällt mir ein, dass ich ihn sprechen muss. Gibt ja echt wichtigeres als undichte Schwestern.

 

 

 

Kapitel 9

 

Matschbirnen und Pferdeäpfel

 

Mit Ball und Sissy an der Leine gehe ich aus dem Haus, an Hannes und seinen Geschwistern vorbei.

An der Weggabelung“, flüstere ich ihm zu, für den Fall, dass seine Mutter am Küchenfenster steht.

 

Im Wald spiele ich mit Sissy und bin mal wieder erstaunt, wie schnell sie ist. Erwartungsvoll legt sie den Ball vor meine Füße, geht mit den Vorderläufen runter, wackelt ungeduldig mit dem Hintern und zieht vor Aufregung ihre Lefzen hoch, sodass man ihre spitzen Zähne sehen kann. Während sie komische, schnarrende Geräusche von sich gibt, lässt mich Sissy nicht aus den Augen. Wenn ich auch nur zucke, springt sie schon auf und rennt los wie der Teufel. Dann bleibt sie plötzlich stehen und guckt hektisch in der Luft herum, wo der Ball hinfliegt und ob sie ihn vielleicht verpasst hat. Ich schwenke den Ball und Sissy kommt zurück gerast, um das Spiel von vorne zu beginnen. Dieser Hund ist irre, total irre und der beste Hund der ganzen Welt!

 

Zehn Minuten später sind Hannes und Gustav da. Die Hunde laufen an Büschen und Bäumen schnuppernd neben uns her.

Der alte Ritchie hat gesagt, dass das für Hunde wie Zeitung lesen ist. Wer zu welcher Zeit da war, was er oder sie gefressen hat, wer krank ist oder gerade Liebe machen will, in welche Richtung sie oder er gegangen ist, wie weit sie voneinander entfernt sind und so was alles. Sogar ob ein Mensch Krebs hat, ein Baby unterwegs ist, ein epileptischer Anfall oder ein Erdbeben bevorsteht. Können Hunde alles riechen, ich schwöre!

 

Ich hab nachgedacht“, beginne ich. „Das mit den Wildschweinen, das wird echt immer krasser. Wir sollten was tun.“

Stimmt“, sagt Hannes. „Und falls es wirklich ein Tierquäler ist, erst recht.“

 

Ich nicke und rufe Sissy zu mir, um sie anzuleinen. Hinter uns auf dem Pfad kommen zwei Reiterinnen auf ihren Pferden. Auch Hannes nimmt Gustav an die Leine. Sie bellen Pferde zwar nicht an, gehen aber aus Neugier manchmal zu nah dran. Wenn Pferde das nicht mögen, kann es sein, dass sie scheuen und los galoppieren, und das kann gefährlich werden.

 

Okay, und was sollen wir tun?“ Hannes löst die Leine, nachdem die Pferde einen guten Vorsprung haben und ich lasse Sissy auch wieder frei.

Wir müssen eben einfach einen Abend in den Wald“, sage ich. „Irgendwo verstecken und abwarten. Wenn wir Glück haben …“

Genau“, unterbricht mich Gustav sofort, „wenn wir Glück haben, bohrt uns so'n fetter Keiler seine Hörner in den Hintern. Sorry, aber da bin ich raus.“

Meinst du?“

Klar Alter, die haben grade Junge“, sagt Hannes. „Wenn wir denen in die Quere kommen, boah, schlimmste Apokalypse! So schnell können wir gar nicht rennen!“

Stimmt auch wieder“, sage ich. „Aber was sonst? Sollen wir es unseren Eltern sagen? Zur Polizei gehen?“

Die lachen uns aus“, gibt Hannes zurück. „Es sind einfach zu viele und die machen alles kaputt. Interessiert keinen, wenn da jemand ein paar wegmessert. Im Gegenteil, die Leute sind bestimmt froh, wenn es einer macht.“

Dann schlag du jetzt was vor“, sage ich. „Mir fällt nichts mehr ein.“

 

Hannes meint, wir sollten einen Plan machen, Indizien sammeln, alles aufschreiben und so. In den Nachbarort fahren und da Leute fragen, ob ihre Hunde Wildschweinteile finden. Klingt eigentlich ganz gut, und dann meint er, wir müssten dem Typen ohne nachts in den Wald zu gehen, eine Falle stellen, falls es denn überhaupt ein Typ ist und keine Frau oder eine ganze Gang. Aber wie genau weiß er natürlich auch nicht.

Ich denke, wir könnten mal im Internet gucken, ob wir irgendetwas Interessantes zu Wildschweinen in unserem Stadtteil finden. Doch das müsste dann eher Hannes machen, weil er über das Laptop seiner Mutter im Netz surfen kann und ich nicht. Meine Eltern kontrollieren jede Seite, die ich mir ansehe. Nervt schon ziemlich, gerade, wenn man nach Sachen sucht, die ihnen nicht passen. Boxen zum Beispiel. Statt Gitarre würde ich jetzt so viel lieber Boxen lernen. Neulich hat meine Mutter die ganzen Vereine gesehen, die ich schon mal rausgesucht hatte, um vorbereitet zu sein. Fand sie nicht witzig, dabei ist Boxen doch ein richtig alter Sport, älter als meine Mutter sogar, glaub ich. Und das Training ist voll anstrengend, da trainiert man echt jeden Muskel; ich schwöre, total gut ist das! Außerdem wäre es ja wohl auch in ihrem Interesse, dass ich mich verteidigen kann, oder? Meine Mutter meinte nur, dass sie keine Plattnase als Sohn haben will und wenn ich unbedingt mit jemanden kämpfen möchte, soll ich warten, bis ich achtzehn bin. Toller Tipp, wenn mich jetzt einer zu Matsch kloppt, erlebe ich das gar nicht mehr.

 

Mal was anderes“, sagt Hannes plötzlich, „wo ist eigentlich Sissy?“

Wir drehen uns um und sehen sie am Ende des Pfades stehen, mit der Schnauze am Boden. Sie frisst irgendwas, natürlich! Das Rufen kann ich mir voll schenken, weiß ich selber, mache es aber trotzdem, während ich loslaufe. Gustav galoppiert auf drei Beinen und mit schiefem Kopf neben mir her. Yey, endlich rennt wieder einer! Er denkt, wir spielen und sprintet voraus zu Sissy. Erst hüpft er um sie herum, dann fängt auch er an zu fressen. Ich laufe schneller und Hannes erscheint neben mir.

 

Oh Mann! Wer hat eigentlich das Wort Pferdeäpfel erfunden? Es klingt so viel appetitlicher als es ist, es ist eine tennisballgroße Lüge! Die Wahrheit heißt Pferdekacke, Freunde, nicht Pferdeäpfel! Und je näher wir diesem Haufen Pferdekacke kommen, umso eiliger schlingen Sissy und Gustav die noch dampfenden Brocken herunter. Sie wissen genau, dass es gleich vorbei ist mit der Fresserei. Schnell noch einen großen Haps, bis wir die Karabiner zuschnappen lassen und beide wegzerren.

 

Puh“, schnauft Hannes. „Das ist ja ganz schön ekelhaft!“

Sissy und Gustav lecken sich zufrieden das Maul.

Ey, sei bloß still“, antworte ich, „ich kotz' gleich.“

 

Kapitel 10

 

Yalla auf Wabbel-Beinen

 

Auch meine Eltern klatschen vor Begeisterung über Sissys Festmahl nicht gerade in die Hände, und ich lasse sie im Garten angebunden, bis meine Mutter mit der Tierärztin gesprochen hat. Sie sagt, wir sollen Sissys Maul abwischen, ihr einen Apfel geben und ihr richtig die Zähne putzen, wegen der vielen Bakterien und so.

Weil mein Vater nicht stehen kann, fällt er als Helfer leider aus, und irgendwie habe ich das Gefühl, dass es ihm ganz recht ist. Marina hat sich auf einmal in Luft aufgelöst und meine Mutter erlaubt mir nicht, sie vom Dachboden zu holen, dabei weiß ich genau, dass sie sich da oben versteckt, bis wir fertig sind! Stattdessen gibt meine Mutter mir Gummihandschuhe.

Das Abwischen ist schnell gemacht, das Zeug war fest, ihre Schnauze ist sauber, da stinkt auch nichts. Den Apfel frisst Sissy gern, klar, fressen tut Sissy ja immer gern. Doch dann wird es kompliziert, denn welcher Hund lässt sich schon die Zähne putzen?

 

Ich halte Sissys Kopf, den sie ständig wegdreht, um aus der Umklammerung zu entkommen, und schiebe ihre Lefzen vorsichtig beiseite, damit meine Mutter ihre Zähne bürsten kann. Doch die ganze Sache schmeckt Sissy nicht, sie versucht die Zahnpasta wegzulecken, aus ihrem Maul triefen lange Sabberfäden, die um uns herum fliegen, wenn sie sich schüttelt. Und sie schüttelt sich alle drei Sekunden.

Zur Sicherheit gibt meine Mutter Sissy noch einen Zahnreinigungsknochen. Einen Termin in der Praxis haben wir trotzdem für den nächsten Tag, weil es sein kann, dass Sissy Nährstoffe fehlen und sie die Dinger deshalb gefressen hat. Kurz frage ich mich, wie es Hannes mit Gustav ergangen ist, denn im Garten waren sie nicht und bis ich schlafen gehe, sehe und höre ich nichts mehr von ihm.

Und dann passiert etwas echt Krasses.

 

Ich weiß nicht genau, ob es die scheppernde Glasflasche von Herrn Schorf oder Sissys Winseln ist, das mich um sechs Uhr früh hochschrecken lässt. Vielleicht beides. Im Aufstehen trete ich in einen dunklen Fleck auf dem Bettvorleger. Och nee, bitte! Schuldbewusst guckt Sissy mich an und quiekt. Ich kann es in ihrem Bauch grummeln hören.

Es wundert mich zwar nicht, nach dem vielen Kram, den Sissy am Vortag gefressen hat, aber Durchfall ist echt das Allerletzte auf das ich Bock habe. Und um diese Uhrzeit schon gar nicht!

Doch ich weiß genau, dass es jetzt schnell gehen muss. Richtig schnell. Ich halte die Luft an, streife meinen Fuß am Läufer ab, rolle das Teil zusammen, schnappe mir ein Pack Taschentücher vom Nachttisch und flitze mit Sissy so geschickt nach unten, dass der Stinkefuß nur minimal die Stufen berührt. Ey, ich bin ja so der Hunde-Pro! Damit sich der Gestank nicht im Haus ausbreitet, lasse ich den Läufer im Garten. Auswaschen später. Kann auch jemand anders machen.

 

Während ich meinen Fuß säubere und in meine Schuhe schlüpfe, läuft Sissy vorweg und schafft es gerade so eben zum Waldrand, da geht es wieder los. Und was für eine Ladung! Mann, bin ich froh, dass die nicht auch noch in meinem Zimmer explodiert ist! Ich warte bis der Krampf vorbei ist. Dabei wirft mir Sissy einen verschämten Blick zu, als würde sie sich entschuldigen, dass sie die Tür vom Klo nicht mehr zugekriegt hat und ich das nun leider alles mitansehen muss. Mein armer Hund tut mir so leid! Sie kann ja nichts dafür, ist ja ein Tier, kein Mensch, der weiß was er verträgt und was nicht. Besser ich gehe eine Runde durch den Wald, die Sache ist bestimmt noch nicht vorbei, so was zieht sich.

Und auf einmal kommt Gustav knurzend und schnaufend heran gestürmt und Hannes schlendert hinter ihm her, barfuß in den Schuhen wie ich.

 

Moin“, grinst er. „Na, bei euch auch was danebengegangen?“

Türlich“, grinse ich zurück. „Ich bin rein getreten.“

Ich hatte Glück“, sagt Hannes. „Gustav hat bei meinen Eltern geschlafen. Die haben es weggemacht, aber ich musste mit ihm gehen.“

Kommst du noch ein Stück mit?“, frage ich und Hannes nickt. Er erzählt, dass seine Eltern mit Gustav direkt zum Tierarzt gefahren sind. Da haben sie ihm auch das Maul gesäubert und gesagt, sie sollten gut aufpassen, dass er es nicht wieder tut, weil die Medikamente, die Pferde bekommen, für Hunde gefährlich sein können. Ich denke ja, Gustav mochte die Pferdeäpfel eigentlich gar nicht, er wollte sich bei Sissy bloß ein bisschen einschleimen, damit sie ihn endlich mal beachtet.

Wir nehmen eine kleine Abkürzung durchs Unterholz, um zum offenen Feld zu gelangen und dann Alter … Alteeer … dann liegt da einer!

 

Ein Mann. An einem Baumstumpf. Mit geschlossenen Augen. Hannes und ich kommen schneller ins Zittern als ein Lambo von Null auf Hundert. Echt, ohne Spaß jetzt!

 

Da liegt wirklich jemand, keine Ahnung wie alt, mit geschlossenen Augen und aiaiai, seine Hose ist am Unterschenkel zerrissen und da klafft eine übertrieben hässliche Wunde! Neben ihm liegen Pfeil und Bogen und ein offener Rucksack mit verstreuten Sachen.

Hannes und ich werfen uns einen Blick zu. Wir wissen sofort, was los ist. Vor uns liegt die Lösung des Wildschwein-Rätsels.

 

Als Sissy zu knurren anfängt und langsam auf den Mann zugeht, macht er stöhnend die Augen auf und sieht uns an. Ey, das ist voll gruselig!

Er hat braune, zerzauste Haare, einen grauen Stoppelbart und scheint groß zu sein. Im Liegen kann man das ja nicht immer richtig einschätzen.

 

Bitte“, flüstert er mühsam. „Nimm deinen Hund weg.“

 

Ich bin ja schon stolz, dass Sissy nur zögernd zurückweicht und bellt, weil sie Hannes und mich beschützen will. So leicht könnte uns jedenfalls keiner was tun. Bei Gustav sieht das etwas anders aus. Er klebt stocksteif an Hannes' Bein. Wenn er könnte, würde er seinen Ringelschwanz zwischen die Beine klemmen, solche Angst hat er. Wir nehmen beide an die Leine.

Doch der Mann kann gar nichts machen, das sehen Hannes und ich jetzt auch. Er ist richtig verletzt. Trotzdem halten wir Abstand, sicherheitshalber. Würden bestimmt auch Superhelden in so einer Situation machen.

 

Ein Keiler hat Sie erwischt, oder?“, frage ich und der Mann nickt. Mit schmerzverzerrtem Gesicht versucht er sich aufzurichten, sackt aber wieder zusammen. Auch an seiner Hand ist Blut.

Könnt ihr mir helfen?“, fragt er. „Bitte?“

 

Hannes und ich drehen uns zur Beratung um und sind uns sofort einig, dass wir Hilfe holen. Weil ich aber beim Anblick von Blut wabbelige Beine kriege und vielleicht gleich ohnmächtig werde, kann ich auf gar keinen Fall hier bleiben und warten. Weggucken geht auch nicht, weil Wunden Magnete für meine Augen sind. Und diese zieht mich radikal rein, wie ein Staubsauger die Pickel, ähm nein, die Hundehaare.

 

Pass auf“, sage ich leise zu Hannes. „Ich gehe Thorsten holen und sage unseren Eltern Bescheid. Du bleibst mit den Hunden hier, okay?“

Obwohl Hannes schon ein bisschen angespannt wirkt, willigt er ein. „Okay, aber yalla!“

 

Kapitel 11

 

Die schwindeligen Hühner vom Tatort

 

Meine Knie sind schon ziemlich weich, stelle ich beim Rennen fest, erst als der Wald hinter mir liegt, wird es besser. Thorsten wohnt mit Sandmann außerhalb der Siedlung, zu ihm ist es näher als zu uns. Ich sprinte also über den Mauerweg, ein Stück die Straße runter, und auf der linken Seite erscheint das dreistöckige Haus. Vor der Tür treffe ich Adam, der Zeitungen austrägt.

 

Hey, was machst du denn hier so früh?“, fragt er.

Keine Zeit“, schnaufe ich, doch bevor ich klingele, kommt mir eine Idee.

Sag mal, du weißt doch wo wir wohnen, oder?“

Adam nickt. „Klar, deine Schwester …“

Jajaja“, unterbreche ich ihn rasch. „Senfmacher, lauf schnell rüber und sag meinen Eltern, dass sie sofort die Polizei rufen sollen. Und sag ihnen, dass Hannes und Gustav bei mir sind.“

Hä, wieso?“, fragt Adam. „Spielt ihr Räuber und Gendarm oder was? Ich muss Zeitungen austragen, Mann!“

Ist ein Notfall!“, bettele ich. „Da liegt jemand im Wald, bitte!“

 

Als er mich immer noch zweifelnd anguckt, setze ich hinterher: „Alter, was denkst du, warum ich um diese Zeit bei Thorsten vor der Tür stehe? Bestimmt nicht, weil ich Klingelstreich machen will!“

Wer ist Thorsten?“

Ach, vergiss es!“ Ungeduldig schiebe ich ihn beiseite und drücke lange auf den Knopf. Marina sollte sich das noch mal überlegen, Adam ist echt nicht die hellste Kerze auf der Torte.

 

Hundegebell ist zu hören. Ich drücke nochmal auf die Klingel und höre erst auf, als es knackt und Thorstens verschlafene Stimme aus der Gegensprechanlage kommt.

Wer ist da?“, schnarrt er.

Hier ist Jo“, sage ich. „Jo Senfmacher, der von Sissy, weißt du?“

Ja, was gibt’s denn?“ Seine Stimme klingt schon freundlicher.

Im Wald liegt ein Mann, der sofort ins Krankenhaus muss. Ich glaube, der hat Wildschweine gejagt und jetzt hat ihn eins am Bein verletzt. Kannst du mitkommen?“

Gib mir eine Minute!“ Es knackt und Thorsten ist weg.

 

Neben mir steht Adam mit offenem Mund.

Okay“, sagt er langsam. „Ich … ich geh dann mal und sage deiner Schwester …“

Nein Mann, nicht meine Schwester“, verbessere ich ihn. „Meine Eltern! Weck meine Eltern!“

 

Eilig laufen Thorsten, Sandmann und ich die Strecke zurück zu Hannes. Er hat einen Erste-Hilfe-Koffer dabei und der Rettungswagen ist auch unterwegs.

 

Als Sandmann das erste Teil gefunden hat, habe ich mir so was ähnliches schon gedacht“, sagt Thorsten. „Hoffentlich hat der Typ einen Jagdschein, sonst wird’s knifflig für ihn.“

Was passiert denn, wenn er keinen hat?“, frage ich.

Dann ist das Jagdwilderei und entweder er bekommt eine Geldstrafe oder er muss ins Gefängnis.“

Obwohl es so viele Wildschweine gibt und Jäger sie auch töten dürfen?“

Das spielt keine Rolle“, erwidert Thorsten. „Jagen darf man nur mit Jagdschein und auch nur in bestimmten Gebieten. Sonst könnte ja jeder nach Lust und Laune Tiere umbringen. Das geht natürlich nicht.“

 

Sandmann hat schon etwas gewittert und zieht nun an der Leine in die richtige Richtung. Als ich mich darüber wundere, erzählt Thorsten, dass er Sandmann zum Rettungshund ausgebildet hat. Er weiß also längst, wo der Verletzte liegt. Rettungshunde finden auch verschüttete Menschen unter Trümmern, vermisste Kinder oder verwirrte Leute, die sich verlaufen haben. Das klingt alles ziemlich cool, besonders das von einem Erdbeben in Mexiko, wo Thorsten mit Sandmann hingeflogen ist und zwei Menschen gerettet hat. Also das mit der Rettung ist cool, nicht das Erdbeben, ist ja klar. Ich werde mir das bei Gelegenheit mal ansehen. Vielleicht werde ich ja auch Rettungssanitäter und mache aus Sissy einen Rettungshund?

Thorsten sagt, fast jeder Hund kann das werden, nur solche wie Gustav nicht unbedingt, weil bei denen die Nase zu flach ist. Längere Nasen haben den besseren Riecher. Hätte ich auch selbst drauf kommen können.

Hannes ist sehr erleichtert uns zu sehen. Sissy und Gustav springen schwanzwedelnd um mich herum, als wäre ich vierzehn Tage weg gewesen. Thorsten stellt seinen Koffer neben dem Mann ab. Während er seine Wunden untersucht, redet er beruhigend auf ihn ein und der Mann fängt sofort an zu weinen. Wirklich wahr!

Ich weiß nur nicht, ob ich Mitleid habe, ich glaub' eher nicht.

Für Hannes und mich ist das alles etwas komisch. Gerade als wir überlegen, was wir jetzt tun sollen, erscheinen unsere Eltern zwischen den Bäumen. Zu viert, mein Vater humpelt, und natürlich streiten sie wieder.

 

Was gehen euch überhaupt unsere Hühner an?“

Oh, die gehen uns sogar eine Menge an, weil sie nämlich nicht nur den ganzen Tag Krach machen, sondern neulich sogar in unserem Garten waren und unseren Salat gefressen haben!“

Ach, du meinst sicher den Salat, auf den euer Hund immer pinkelt, oder?“

Erst als sie uns sehen, ist Ruhe. Auch unsere Eltern wirken plötzlich nervös.

 

Hallo“, sagt mein Vater zu Thorsten und guckt zu dem Mann am Boden, „wir wollten unsere Söhne abholen.“

Das geht leider noch nicht“, antwortet Thorsten. „Die Polizei wird gleich hier sein, sie müssen eine Aussage machen.“

Ist das denn wirklich nötig?“, fragt Hannes' Vater. „Es sind ja nur Kinder, und Sie sind doch jetzt da.“

Kinder, die eine wichtige Aussage zu den Vorfällen machen müssen“, gibt Thorsten zurück. „Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich habe zu tun.“ Er wickelt einen Verband um das Bein und steckt ihn mit Klammern fest.

Gut so?“, fragt er den Mann.

 

Aus der Ferne ist der Rettungswagen zu hören, je näher er kommt, umso lauter wird es. Als er verstummt, klingelt Thorstens Handy und er schickt seinen Kollegen unseren Standort. Ein Stück können sie noch über den Mauerweg in den Wald hineinfahren, doch der letzte Teil geht nur zu Fuß. Die Sanitäter kommen zu zweit und haben eine Krankenliege dabei. Thorsten bespricht sich mit ihnen.

Jetzt ertönt auch eine Polizei-Sirene und irgendwie kriege ich plötzlich Herzklopfen, so als hätte ich die Wildschweine gejagt. Dann knackt und raschelt es, schwere Schritte, strenge, tiefe Stimmen und Funkgeräte sind zu hören. Wie in einem Krimi, und wir sind da original mit drin. Mir fehlt die Spucke. Hannes muss für mich reden, ich krieg bestimmt keinen Ton raus. Mir ist schon wieder schwindelig, aber Hannes Augen leuchten. „Alter, Tatort ist echt nichts dagegen, oder?“

 

Update:

Also, ich weiß gar nicht, warum ich solche Angst hatte, das mit der Polizei war voll chillig! Die waren echt nett, haben viel gefragt und alles aufgeschrieben. Zum Schluss hat der eine Polizist zu unseren Eltern gesagt, sie hätten zwei sehr aufmerksame und mutige Jungs, auf die sie stolz sein könnten. Und jetzt überlege ich ernsthaft, ob ich später nicht lieber zur Polizei gehe, Hunde werden da auch immer gebraucht, um Drogen zu finden und so.

 

Kapitel 12

 

Lauch auf dem Karma-Konto

 

Bevor einer fragt: Nein, unsere Eltern haben sich nicht vertragen, auf dem Rückweg ging es sofort wieder los. Hannes und ich glauben, dass sie das irgendwie brauchen. Die wollen sich übereinander aufregen, weil, ohne Spaß, so sinnlos wie die kann man gar nicht streiten!

Ich war trotzdem den Rest des Tages richtig gut drauf, obwohl Sissy vor Hannes' Gartentor gekackt hat, als wir gerade zur Nachmittagsrunde rausgehen wollten.

Ich hab es aufgesammelt, ist ja klar, und gedacht, dass es jetzt doof wäre, die Tüte auf dem ganzen Weg mit mir herumzuschleppen. Und weil bei uns die Mülltonnen auf der anderen Seite des Hauses stehen und ich nicht zurückgehen wollte, habe ich die 120 Gramm in unseren Garten geworfen, um sie später zu entsorgen. Leider hat das eine Frau gesehen, die mit ihrem Rad an uns vorbeifuhr. Unnötig zu erwähnen, dass sie anhielt, mich übertrieben anmotzte und dass haargenau dann natürlich auch Hannes Mutter um die Ecke kam.

Na egal, ein paar Tage später lud Thorsten Hannes und mich zu sich ein und wir durften sogar zusammen hingehen!

Thorsten hatte Ahoi-Brause für uns angemischt und einen Zitronenkuchen gebacken. Okay, der Kuchen war für seine Freundin, aber da war was übrig und das hat er uns angeboten. Und dann kam die Geschichte, die wir unbedingt hören wollten:

 

Es ist wirklich so, wie wir vermutet haben. Der Mann hat zugegeben, dass er die Wildschweine mit Pfeil und Bogen geschossen und noch im Wald … puh … ja, also zerlegt hat. Danach hat er das Fleisch zum Teil verkauft und zum Teil in seine Gefriertruhe gelegt, um es selbst zu essen.

Die Köpfe, und Achtung jetzt wird’s noch ekliger, hat er an einen Tierpräparator verkauft. Das ist einer, der tote Tiere ausstopft und so bearbeitet, das sich Leute die dann an die Wand hängen können. Also, ich würde ja nur noch heulen, wenn Sissy tot wäre und ich sie wie ein Zombie-Stofftier in mein Zimmer stellen würde. Voll creepy, hat Hannes auch gesagt.

Ach ja, und einen Jagdschein hat der Typ auch nicht. Er sagte, die Wildschweine hätten ihm so oft den Garten verwüstet, dass es ihm gereicht hätte und er sie weg haben wollte. Und als dann in Brandenburg ein Experiment gestartet wurde, wo Jäger Wildschweine mit Pfeil und Bogen jagen sollten, hätte er einfach mitgemacht. Ganz ehrlich, ich bin ja ein bisschen froh, dass der Keiler ihm einen verpasst hat. Weil, ich hab zwar richtig Respekt vor Wildschweinen, aber ich mag die auch, besonders die kleinen Frischlinge, so heißen die Baby-Wildschweine nämlich.

Ins Gefängnis kommt der Mann zwar nicht, aber er muss viel Geld bezahlen und sein Bein braucht auch noch eine ganze Weile zum Heilen.

Super war an der Sache natürlich, dass Hannes und ich die Babos im ganzen Viertel waren. Alle wollten wissen, wie der Typ aussah, wie gefährlich der war und ob da Waffen, Messer und tote Wildschweine und so herumgelegen hätten. Hannes und ich haben die ganze Geschichte hier und da ein bisschen ausgeschmückt, damit es auch nach dem dritten und vierten Erzählen noch spannend bleibt, nur jetzt glauben sie uns nicht mehr jedes Detail und seit gestern fragt gar keiner mehr. Das ist ja schon irgendwie gemein, oder?

 

Hallo? Das war episch! Wir haben einen echten Kriminalfall gelöst! Zumindest zu Ehrenbürgern könnten sie uns ernennen. Eine Urkunde ginge auch, oder noch besser eine Medaille, die könnten Hannes und ich dann tragen. Aber in dieser Richtung kommt gar nichts. Leider.

Marina sagt sogar, wir sollten froh sein, dass wir keinen Ärger mit den Leuten kriegen, die von den Wildschweinen genervt sind. Ihr Ernst?

Na ja, von meiner Schwester ist sowieso gerade nichts Schlaueres zu erwarten, sie trifft sich jetzt nämlich mit Adam.

Und das weiß ich, weil Sissy ein Rettungshund geworden ist. Ja genau, ein echter Rettungshund!

 

Ich bin mit ihr ums Feld gegangen, da wuchs irgendwas ziemlich Hohes: Weizen, Feuerbohnen, Katzengras, was weiß ich. Erst ist Sissy nur dem Ball nachgelaufen, den ich für sie geworfen habe, dann ist ein Wurf daneben gegangen und ins Feld abgedriftet. Sissy hinterher. Ich hörte es nur noch rascheln und plötzlich ein lautes Bellen, Quieken und Schreien. Okay, dachte ich und meine Beine wurden wieder extrem elastisch, wenn da jetzt Wildschweine mit ihren Babies drin sind, dann gute Nacht, Jo Senfmacher, dann bist du komplett erledigt und Sissy auch, soviel steht fest! Ich sah schon die Wunde vom Wilderer an meinem Bein und Sissy ausgestopft im Wohnzimmer stehen. Warum hatte ich bloß Hannes und Gustav nicht mitgenommen? Natürlich bin ich meinem Hund trotzdem gefolgt, immer dem Geschrei nach, sie brauchte sicher Hilfe. Und dann stand ich auf einmal vor Marina und Adam, die es sich mit Picknick-Decke im Feld gemütlich gemacht hatten, bis Sissy bellend um die beiden herum hopste! Ob da nun jemand gerettet werden musste, weiß ich jetzt nicht so genau, maximal wohl Adam, der schon halb auf Marinas Schoß gekrabbelt war, aber Sissy hat auf jeden Fall einen guten Anfang gemacht. Sie hat Rettungshund-Talent!

Was man von Adam nicht behaupten kann, er hat weniger Gehirnzellen als die vier Hühner von Hannes, zusammen!

 

Heute war er mit Marina im Garten. Meine Schwester zu ihm: „Ostern ist mein Lieblingsfest und deins?

Und er so: „Ja, meins auch, weil da Jesus geboren ist und alle das voll abfeiern, mit bunten Eiern und so.“

 

Ich habe Marinas Gesicht nicht gesehen, aber an ihrer Stimme konnte ich genau hören, dass sie gelächelt hat!

Wenn sie diesem Lauch nicht erklärt hätte, dass Jesus ja wohl an Weihnachten geboren und an Ostern auferstanden ist, hätte ich das gemacht, ich schwöre!

 

Richtig doof an der Sache mit meiner Schwester und Adam ist aber, dass Adam seitdem überhaupt keine Angst mehr vor Sissy hat. Und maximal doof daran ist, dass Sissy den plötzlich total toll findet und er sich auch kaum noch einkriegt, wenn er sie sieht. Jeden Tag tanzen die wie die Bekloppten umeinander rum, sie winselt und quietscht und drückt sich an seine Beine, und er knuddelt und krault MEINEN Hund tausend Stunden lang!

Hätte ich ihn bloß nicht zu uns nach Hause geschickt, denn danach ging das erst los! Ich bin schon so weit, dass ich mir die Zeiten zurück wünsche, wo Sissy nur bei Murphy so ausgerastet ist. Adam macht ja sogar ihre Haufen weg, ohne das Gesicht zu verziehen, ist doch unnormal so was!

Als ich das Hannes erzähle, klopft er mir auf die Schulter und meint: „Ey, bleib cremig, Bro! Du hast den voll geheilt, nur wegen dir hat der jetzt keine Angst mehr vor Hunden. Das geht alles auf dein Karma Konto.“

 

Na ja, so betrachtet hat Hannes wahrscheinlich recht, wie immer, und ich bin todesfroh ihn als besten Freund zu haben. Echt wahr!

 

 

 

Kommentare: 1
  • #1

    Eva Schull (Mittwoch, 01 Dezember 2021 18:42)

    Deniz, das ist klasse, da wird eine Geschichte toll etabliert, und ich bin gespannt, wie es weitergeht. Herrlich ist das „Vorwort“ von Jo!